Ich habe kürzlich eine Text verfasst, mit dem Titel “Aus Wut wird Mut”. Es ging um meine Freundin, die aus ihrer Wut über die Politik um Sudan, Aktivistin wurde und zu Demos gegangen ist. Ich möchte heute auch einmal mutig sein. Und mit meine Wut in Worte verwandeln. Vielleicht schafft ihr es ja daraus Aktivismus zu formen.
Ich bin wütend auf die Welt. Auf die Ungerechtigkeit von Geld.
Ich bin wütend auf die Welt. Wer reich ist, geht. Wer nicht reich ist, fällt.
Es ist nicht so schwarz und weiss, das weiss ich.
Ich versuch es anders, zu erklären, was mein ich.
Die Schere geht weiter auf. Das ist kein Medientratsch, es ist Fakt.
Alles, was du tust, hat einen Effekt. Jeder Kauf, jede Tat, jeder Blick, jedes Wort.
Jeder Kauf kann unterstützen, oder aber einen negativen Fussabdruck hinterlassen.
Jede Tat kann jemand anderen besser durch den Tag bringen, oder aber schmerzverzehrt am Boden.
Jeder Blick kann ein Lächeln zaubern, oder aber das Selbstwertgefühl in den Keller katapultieren.
Jedes Wort kann motivieren, oder aber frustrieren.
So ist es mit Kauf, Taten, Blicken und Worten. Wie ist es mit Geld?
Geld ist Macht. Geld ist eine Religion, vielleicht, für manche. Es sind Stücke oder Zettel, aus Papier, aus Metal. Eigentlich nicht viel, aber doch bestimmt es unser Leben. “Geld macht nicht glücklich.” Oder “Ich denke nicht viel über Geld nach.” sind Aussagen von Menschen mit Geld. Geld allein macht vielleicht nicht glücklich. Aber das Minimum an Lebenswert, welches jede Person benötigt, ist nicht ohne Geld zu erlangen. Zumindest selten. Und wenn, dann durch Geld anderer, Familie, Freunde, einem staatlichen oder nicht-staatlichen Unterstützungssystem.
Es gibt sie. Die Unterstützungssysteme. Es gibt Menschen, reiche Menschen, die darüber schimpfen. Es sind 5700 und 1 Euro im Monat, die du in Deutschland verdienst, damit du als reich gältest. Sagt Deutschland. Ich persönlich würde sogar sagen, die Hälfte davon vielleicht auch. Sie schimpfen, weil sinnlose Sachen mit ihren Steuern gemacht werden. Das stimmt sicherlich, allerdings nur zum Teil. Zu einem anderen Teil werden davon Unterstützungssysteme bezahlt – Schulen, Krankenhäuser, Obdachlosenunterkünfte, Vereine, gute Projekte, einsame Menschen, der Stock für eine Person mit Sehbeeinträchtigung, die monatliche Unterstützung für einen Azubi.
Das ist gut, aber ist es genug?
Ich frage mich oft, wie es sein kann, dass ich so viele grandiose Menschen mit noch grandioseren Projekten kenne und für diese kein Geld da ist?
Das ist die Wurzel meiner Wut. Heute.
Mein Leben besteht quasi aus Initiativen, die ich oder Freunde von mir in die Welt setzen, die sich von einer zur anderen Spende, von einem zum anderen Fördermittelantrag hiefen. Die aufhören müssen, weil nicht genug da ist. Ich versuche seit 1.5 Jahren einen Verein als Gemeinnützig anerkennen zu lassen und es klappt nicht. Ich lese den 26. Fördermittelantrag gegen, für ein Sozialunternehmen, welches dazu beitragen möchte, die Lebensmittelnot zu reduzieren. 1 von 16 wurden bewilligt. Ich lese von einem Nachhaltigkeitsmagazin, dass sie Leute entlassen müssen, weil nicht genügend Einnahmen kamen. Ich erlebe, wie soziale Initiativen dicht machen müssen, weil die Fördermittelgeber sagen, nein, sudanesische Projekte im Sudan von Sudanesen, die jetzt in Ägypten sind, das können wir nicht fördern. Warum ist das so? Denn eigentlich wollen wir doch alle nur das Beste? Für uns und andere. Oder?
Gleichzeitig gibt es Magazine, Bücher, Filme, Headlines über die “Reichen und Schönen”. Es gibt Mega-Konzerne, die nur so das Geld aus ihren KundInnen heraussagen. Nicht mal saugen, es kommt quasi zu ihnen gelaufen. Menschen mit Geld kriegen Geschenke. Sie kriegen Freitickets. Kleidung, zum Testen. Sollte diese Kleidung nicht an Menschen gehen, die keine Kleidung haben?
Es macht mich wütend.
Heute wusch ich meine Yogamatte. Sie war verschmutzt, weil ich sie als Unterlage benutzte, vor 4 Monaten. Ich wusch meine Yogamatte heute in der Badewanne und erinnerte mich, wo sie lag, als sie dreckig wurde. Sie lag auf dem Boden, an einem Grenzübergang. Sie lag auf dem Boden, weil ich die Nacht dort verbrachte. Ich verbrachte die Nacht dort, weil meine Freunde die Grenze nicht passieren konnten. Meine Freunde konnten die Grenze nicht passieren, weil sie die falsche Nationalität hatten. Die falsche Nationalität, ich schreibe es so, weil es meine Freunde selbst so nennen. Es ist nicht, als hätten sie im Supermarkt, nach der Milch mit Laktose anstatt der Laktosefreien gegriffen und nun sagt dir deine Laktose-intolerante Tochter: “Papa, du hast die Flasche Milch mitgebracht”. Es ist ein Papier, ein Stück Buch, dass du erhälst, weil du irgendwo durch Zufall geboren wurdest. Es ist keine falsche Nationalität. Die Welt macht sie zu einer.
Diese Wut, die ich an dieser Grenze spürte, ist unermesslich. Diese Wut schaffte, dass ich mir kaum Pausen gönnte. Diese Wut liess mich etliche Fundraiser starten, E-Mails schreiben, Interviews für deutsche Medien geben. Obwohl ich es hasse, meine Stimme zu hören und mein Gesicht. Im Fernsehen. Diese Wut liess es zu, meinen Körper mit wenig Schlaf und Essen auskommen zu lassen. Diese Wut aktivierte alle Reserven, die ich hatte. Das ist nobel, sagen alle. Du hättest dich auch einfach nur in Sicherheit bringen können und keine 5 Projekte ins Leben rufen. Du hättest dich ausruhen können.
Ja, hätte ich. Das steht mir frei. Aber ich will es nicht. Und ich will nicht, dass andere Menschen es tun. Ja, wir alle verdienen Pausen, einen oder zwei Tage pro Woche frei, einmal Ausschlafen, eine Woche Urlaub, einfach mal nichts tun. Aber andere verdienen auch meine und eure Aufmerksamkeit. Nämlich die Menschen, die sich keine Pause gönnen. Die Menschen, die nebenbei Vereine stemmen, Sozialunternehmen aufbauen, Nothilfe betreiben, 24-Stunden Schichten schieben und Tag und Nacht versuchen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Sie verdienen, dass du nicht denkst, es steht dir frei, zu machen was du willst.
Es ist meine Wut, die mich aktiviert, meine Gedanken zu teilen. Die mich aktiviert und vielleicht auch dich.
Wenn du das liest und reich bist, schau in meinen Beiträge und unterstütze irgendein Projekt.
Wenn du das liest und ein bisschen reich, aber faul bist, frag mich nach Projekten, die ich empfehlen kann.
Wenn du das liest und ein Anwalt für Vereinsrecht bist – melde dich bei mir. Ich könnte dringend Unterstützung bei der Gemeinnützigkeit brauchen.
Wenn du das liest und Webdesigner bist, bau eine Platform, wo wir gemeinsam gute Projekte vorstellen können.
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Das Bild ist von Maab Taj, einer sudanesischen Künstlerin.

Wut ist eine Kraft
wenn sie uns überfällt
im Gespräch mit ihr
verändert sich
manches in der
eigenen Welt
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