Abenteuer Mopedkauf

August 2021

Nach meinen Erfahrungen aus 2018, war es recht leicht, ein zwei-rädriges Gefährt zu kaufen. Da ist der Shop, rein ohne Moped, raus mit, fertig. Nicht so dieses Mal.

Ich möchte also mobil sein, in Khartoum, den täglichen Staus trotzen und schnell von A nach B kommen. Also sollte wieder ein Moped her. Ich bitte einen sudanesischen Freund um Hilfe. Es sollte ein abenteuerlicher Tag folgen. Ich hebe mir die Pointe nicht bis zum Schluss auf: es gab kein Moped für Theresia an diesem Tag 🙂

Der Freund, nennen wir ihn Go, kommt bei uns am Apartment vorbei, wir trinken einen sudanesisch-äthiopischen Kaffee zusammen und los gehts. Mit dem Koffein im Körper und meiner Vorfreude wegen meines neuen Emils (dazu später mehr) manövriere ich mich kinderleicht mit meinen Flipflops durch den Schlamm am Rand der Straßen, die zu kleinen Flüssen geworden sind. In Khartoum sind aktuelle viele Straßen überschwemmt. Es ist Regenzeit und die Kanalisation ist marode. Mit schlammigen Füßen also setzen wir uns in den Lada von unserem Freund Go und los gehts. Die Batterie geht nicht, Go lässt die Handbremse los, das Auto hat er etwas erhöht auf einer Rampe geparkt, lässt es rollen und kriegt so den Motor zum Laufen. Vielleicht hätte uns das bereits ein Warnsignal sein können.

Fabio kriegt sich gar nicht mehr ein und sendet seinem Vater unentwegt Fotos und Beschreibungen vom Lada. Wir tauschen Geschichten aus über Trabbis in der DDR, dem Trabbi-Equivalent aus Italien und recherchieren, dass die Lada Autos aus Russland sind. Das in dem wir sitzen müsste ungefähr 60 Jahre alt sein. Die Sitzfläche hinten ist gemütlich, eine durchgängige rot gepolsterte Bank. Wer hier wohl schon alles drauf gesessen hat? Da ist Geschichte drin in dem Auto. Die Scheiben können wir herunterkurbeln, die Türklinken sind kurze Metallstäbe, die man vorsichtig ziehen muss. Die gesamte Verkleidung vorne existiert quasi nicht. Es hängen ein paar Kabel herum, kein Radio, kein Zigarettenanzünder, kein Handschuhfach. Ich schaue nach vorne und sehe einen Schalthebel, eine Handbremse und einen Lenker, der mit dem selben schönen weichen roten Stoff wie die hintere Sitzbank beschlagen ist. Fabio findet neben der Oldtimer-Nostalgie das zweite Special an dem Lada, in dem wir sitzen. Es gibt eine eingebaute Massagefunktion. Das Auto vibriert tatsächlich so stark, dass der Körper angenehm durchgerüttelt wird. Wir sind begeistert und skeptisch, wie viele Sekunden der Lada auf den Straßen Khartoums noch durchhalten wird.

Der erste Stopp soll der Laden sein, in dem ich vor 3 Jahren mein letztes Gefährt gekauft habe. Ich hatte vorne im Text Emil schon mal erwähnt. Emil war mein kleiner Elektro-Scooter, den ich 2018 für den 6-monatigen Aufenthalt in Gedarif (Ost-Sudan) gekauft hatte. Er brachte mich nach täglichem Aufladen mit einem Maximal-Speed von 25 kmh von zu Hause zum Büro, zum Markt und wieder zurück nach Hause. Emil sollte nicht nur mich chauffieren, sondern auch einige andere sudanesische Frauen. So zeigte ich einigen Frauen, wie man mit Emil fahren konnte und überließ ihnen bei meinem Abschied aus Gedarif den Elektroroller. Zurück in die Gegenwart: 11. August 2021. Den Laden, in dem Emil mir übergeben wurde, gab es nicht mehr. Nach mehreren erfolglosen Runden im Kreis und ein paar Telefonaten, hatte Go noch ein paar Ideen. Zu einem Markt sollte es gehen. Wieder, sehr schlau, von der Parkplatz-Rampe zur Straße rollend, brachte Go den Wagen spielerisch in Gang. Die kleinen, zuvor erwähnten, Türgriffe, die es nur von innen gab, wurden mit einem Griff durch offene Fenster betätigt. Die Fenster könne man bedenkenlos offen lassen. „Das Auto klaut eh keiner, weil es so schrottig ist“, sagte Go und lachte. Weiter ging es.

Der Verkehr war schrecklich, die überfluteten Straßen ließen teilweise drei Spuren auf eine Spur verkleinern, wodurch wir nach wenigen Minuten Schweiß-überströmt zu dritt im Lada saßen und mir nur noch einfiel, afrikanische Musik zu spielen, um die Stimmung zu heben. Es wirkte. Einige Minuten, nachdem der Verkehr wieder floss, kam ein „Oh“ aus dem Mund von Go. Das konnte nicht Gutes bedeuten. Wir dachten, es wäre die Batterie, bis er sagte, das Benzin sei alle. Was wir noch nicht wussten, Go hatte erst am Morgen vollgetankt. Das heißt, etwas musste kaputt sein. Wir stoppten also unwillkürlich mitten auf dem 2-spurigen Highway in Khartoum im stressigen Verkehr und mussten den Lada irgendwie zur Seite schaffen. Mit Hilfe von 2 sudanesischen Männern, schoben Fabio und Go das Auto, ich lenkte und wir platzierten es auf dem etwas erhobenen Mittelstreifen des Highways. Go bestand darauf, erstmal mit einer Rickshaw weiter zum Markt zu fahren und auf dem Rückweg mit Benzin wiederzukehren.

So ließen wir den Lada auf dem Mittelstreifen des Highways und riefen eine Rickshaw. Eine Rickshaw ist quasi ein Moped mit 3 Rädern, mit dem max. 3 Personen exklusive dem Fahrer transportiert werden können. Neben Taxis ist es das Verkehrsmittel, welches ich hier am meisten nutze, vor allem für kürzere Strecken. Anschließend besuchten wir 2 Märkte, Fotos schienen mir da nicht so angebracht. Zunächst dachte ich nämlich, dass wir in ein ziemliches heruntergekommenes Viertel laufen und es sicherer ist, mein Handy in der Tasche zu behalten. Dann bogen wir um die Ecke und plötzlich erstreckte sich vor uns das Mekka der neusten, glänzendsten Motorräder vom Sudan. An jeder Ecke standen alle möglichen Modelle, links und rechts von den schlammigen und teilweise überfluteten Straßen und kleinen Häusern mit auf Plastikhockern sitzenden Sudanesen. Ein Vermögen musste das alles zusammen wert sein. Ich mit meinem Mini-Budget für ein süßes, kleines Moped kam mir da etwas klein vor dagegen. Und kleine süße Mopeds gab es auf diesem Markt ohnehin nicht. Der andere Markt bot einige Mopeds an, allerdings nur halb-automatische zu einem horrenden Preis oder Second-Hand ohne Registrierung. Mein Kumpel fand das gar nicht so problematisch. Er meinte, ich müsse nur aufpassen, dass mich die Polizei nicht in den Finger kriegt. Meine Antwort an ihn: “Go, glaubst du im Ernst, dass eine europäische Frau, die Moped fährt, in einem Land, in dem Frauen bis vor kurzem gesetzlich nicht mal Moped fahren durften, es schafft, bei der Polizei nicht aufzufallen? Ich bin quasi eine fahrende Geldbörse, bei der es sich lohnt, so oft wie möglich, wegen fehlender Registrierung, etwas einzukassieren.” Er verstand meinen Punkt und wir entschieden das Projekt Moped zunächst zu verschieben und das Projekt Lada wieder aufzunehmen. Wir sammelten rundum die Tankstelle leere Flaschen ein, kauften an der Tankstelle Benzin und kehrten zurück zum Lada. Mit Hilfe von 2 Sudanesen brachten wir ihn wieder zum Rollen, indem 4 Personen anschoben (diesmal hatten wir keine Rampe) und Go die Zündung startete. Wir fahren wieder mobil. Für einige Kilometer. Als der Lada 500 Meter vor unserer Wohnung erneut zum Erliegen kam, entschied unser Freund Go ihn einfach stehen zu lassen und am nächsten Tag wiederzukommen.

Eine Woche später startete ich noch einen Versuch mit einem anderen Kumpel, ein Moped ausfindig zu machen. Zwar gab es beim zweiten Versuch keine Probleme mit dem Transportmittel, aber ebenfalls keinen Erfolg bei diversen Märkten, Händlern und Shops. Als ich die ganze Geschichte diese Woche einem Sudanesen erzählte, der für einen Startup-Hub arbeitet, gab es wieder Hoffnung. Sein Startup-Hub hatte dabei unterstützt ein Unternehmen aufzubauen, welches hauptsächlich Lieferservice mit Mopeds anbietet. Allerdings hatten sie einen recht großen Moped- und Motorrad-Fuhrpark aufgebaut, sodass sie diese Möglichkeit nutzen, um ein zweites Geschäftsmodell aufzubauen. Sie vermieteten diese Mopeds monatsweise. Das klingt interessant. Ich werde nächste Woche mal vorbeigehen und schauen welches weitere Abenteuer mich erwartet.

1 comment

Leave a reply to Cornelia Reinartz Cancel reply