Wüste am MEER

Wer spätestens nach dem ersten Namibia-Text noch nicht auf der Karte nachgeschaut hat, wo sich Namibia geographisch befindet, dem erzähle ich jetzt etwas Neues:

Namibia grenzt zu großen Teilen des Landes an den Atlantik. Wenn man so schaut, könnten es fast 1/3 der Grenzen des Landes sein, aber genauer muss es hier im Text auch nicht sein. Für uns ist noch nicht daran zu denken, dass irgendwo Wasser auftauchen könnte, geschweige denn Meer. Wir fahren, wie so oft, auf einer langen, schnurgeraden, geteerten Straße entlang, links und rechts Wüste, keine Menschenseele, flache Landschaft so weit das Auge reicht. Ein klein bisschen hügelig wird es von Zeit und Zeit. Die Hügel zusammen mit der durch Hitze entstehende Fata Morgana auf der Teerstraße, lässt es aussehen, als tue sich vor uns eine Achterbahn auf. Ich frage zur Sicherheit Marwin, ob er das auch sieht, da kurz die Befürchtung habe, mit meinen Augen stimme etwas nicht. Als er bejaht, versuchen wir die zwei Schlafenden hinten nicht zu wecken, wenn wir kurz vor einem Hügel, wie vor einer herannahenden Achterbahnabfahrt, einen kleinen Trommelwirbel und Aufregungsschrei machen.

Wie bei vielen unserer längeren Autofahrten, stelle ich mir uns 4 im Auto sitzend vor und stelle meinen innerlichen Zeitraffer an. Die Stimmung wechselt zwischen lautem Mitsingen, in der Regel der zwei Personen, die vorne sitzen, oder Esther und Theresia, immer :); dem Genießen der Sonne, die durch die Fensterscheibe auf die Haut oder direkt ins Gesicht prasselt; dem Nachholen von Schlaf, der bei der ein oder anderen längeren Nacht oft zu kurz kam; intensiven und intimen Gesprächen; der Euphorie, wenn eine Antilope oder eine Straußenfamilie am Horizont zu sehen ist; dem Reiseplangesprächen, wenn wir mal wieder doch vom ursprünglichen Plan abweichen wollen; dem Versenden von Grüßen und Fotos an die Lieben zu Hause und dem „gemeinsam einsam“ Träumen und Nachdenken mit Blick auf die weite Landschaft und dem lauten Wind, der bei geöffneten Fenster durch das Auto zischt. Für mich ist diese Zeit jedes Mal sehr wertvoll gewesen. Ich kann nachdenken, meine Gedanken teilen, bei Musik komplett abschalten oder einfach nur dumm drauf los erzählen. Ich kann lachen, weinen, vor mich hinträumen, reden und zuhören. Ich würde es so beschreiben: wir sind.

Wir sind also und fahren durch die Wüste. Marwin und ich sitzen vorne. Es läuft ein „Sun is shining“ remix von Bob Marley. Weit und breit keine Menschenseele in Sicht. Das einzige, was uns unentwegt folgt, ist die Staubwolke, die unser Jeep mit samt einer leichten Fahrspur hinter sich lässt und die kilometerweit zu sehen ist. Die Wüste hält an diesem Tag Überraschungen für uns bereit. Es sind gefühlt 40 Grad, zur Freude von Esther. Die Landschaft wechselt nahezu aller 30 Minuten ihre Geologie. Der unendlichen Weite mit hellgrauem Kies folgen schwarze, spitze, hochragende Felsen, die wir von einer schlangenförmigen Serpentinenstraße aus bestaunen. Anschließend erneute Weite, mit Sandboden und vereinzelten Steinen. Wir überlegen, ob wir die Nacht nahe eines Bergs verbringen, den Marwin von seiner letzten Reise noch im Kopf hat. Ich frage mich, wo um Teufels willen der bald auftauchen sollte, man kann meilenweit sehen. Noch. Die lange gerade Straße verändert sich ohne Vorwarnung in eine Welle. Ganz leichtes auf und ab, wie auf seichten Hügeln bringt sie uns in die nächsten Landschaft. Nach dem 15. Hügel hört es auf, erneut flach und karg. Und dort, links in der Ferne – ein Berg. Völlig allein, rund geschliffen vom Sand und früheren Gezeiten, ragt ein hellgrauer, ovaler Koloss aus der Ebene hervor. Der Vogelfederberg. Funfact: Schaut man nach dem Berg bei Google Maps, lohnt es sich nach “Toilettes” Ausschau zu halten. Ich musste eben laut lachen, als ich nach dem Namen des Berges recherchieren wollte und zunächst einen Pinn mit “Toilettes” fand. Nun, heute weiß ich, der Vogelfederberg ist bekannt für seine Toilette. Never mind 🙂 Wir fuhren drum herum. Ohne Kenntnis über diese einzigartige Toilette. Die einzige gute, schattig und sonnige Stelle zugleich, ist von einem Pärchen besetzt. Obwohl es die ersten 2 Menschenseelen seit 300 Kilometern sind, denen wir begegnen, wollen wir ihnen ihre Zweisamkeit nicht stehlen und entscheiden uns für die Weiterfahrt Richtung Atlantik.

Erneut geht mir im Kopf herum, dass ich mir bis auf das eingebildete Wasser, welches durch die Fata Morganas entsteht, kaum vorstellen kann, dass bald vor uns ein endloses Meer auftauchen sollte. Soll es auch nicht. Nicht einfach so, sagt Mutter Natur. Die steinige, hellgraue Wüste veränderte sich zu einer „richtigen“ sandigen, dünigen Wüste. Von der besten Seite zeigt sie sich, denke ich mir und zwinkere ihr zu, der Mutter Natur. Ein Meer von Dünen, soweit das Auge reicht.

So geleitete uns die, wie gewohnt, schnurgerade, lange, geteerte Straße entlang der Dünen links und rechts dem Atlantik entgegen. Man könnte jetzt hoffen, dass wir auch hier keiner Menschenseele begegnen, nicht links und rechts langsam die Industrie- und Hafenbauten aus der Erde ragten und wir nicht direkt an einem riesigen Einkaufskomplex vorbeikamen. Allerdings wäre das gelogen und irgendwie zu schön um wahr zu sein. Wenn es denn sein muss und uns quasi schon fast entgegen springt, entscheiden wir uns für den Einkaufskomplex und füllen uns den Kühlschrank mit Bier und Savanna. Es gibt in der Gegend nur einen Campingplatz mit Meerblick, also fällt die Auswahl leicht. Die bereits eingeübten Griffe des Zeltaufbaus, Bieröffnens und der Essenzubereitung gehen wie von Zauberhand und schon sitzen wir bei Meeresrauschen zu viert, mit unserer kleinen Lampe, lassen es uns schmecken und lassen den Tag Revue passieren.

Eigentlich ist nichts passiert, aber eigentlich auch so viel. Es war ein schöner Tag.

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