Nach Wut kommt Liebe. Zumindest bei mir. In einem Buch, was ich aktuell lese, wird viel zum Thema Liebe geschrieben. Liebe in Freundschaften, Liebe in Liebesbeziehungen, Liebe zu sich selbst, den Eltern und Geschwistern gegenüber, Liebe innerhalb der Gesellschaft, Liebe als spirituellen Leitgedanken und Liebe als Anker zum Handeln. Ich bin bei der Hälfte des Buches, also mal schauen, was noch kommt. Das letzte Kapital, was ich lass, hat mir aus dem Herzen gesprochen und mich an eine frühere Res erinnert, da mal genau so ein Kapital hätte schreiben können. Vielleicht nicht in den schwungvollen Formulierungen wie bell hooks, aber inhaltlich habe ich mich gut wiedergefunden.
Das Kapital handelt von werte-orientiertem Handeln und geht ein bisschen so in die Richtung des Satzes “Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!” Dieses Zitat ist aus der Bibel, aber findet sich in allen möglichen Weltreligionen wie Buddhismus, Islam oder der Schule des Konfuzius wieder. Es wird auch als “Goldene Regel” bezeichnet oder “Globale Ethik”. Und wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft mit “Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“ verwendet. Das kann im Kleinen verstanden werden, indem wir in unseren engen Beziehungen vor jeder Handlung oder jedem Wort kurz innehalten und überlegen, ob die folgende Aktion aus einer positiven oder negativen Absicht heraus anstanden ist.
Neben der Ausrichtung auf andere, wird in dem Kapitel auch die Dimension nach innen beschrieben. Das heisst, jeder Mensch kann sich die Fragen sogar selbst stellen. Oder ich kann mich an einen Ratschlag einer guten Freundin oder engen Freundes erinnern: “Du bist viel zu hart zu dir. Schenk dir doch mal eine Pause.” In Fällen von Überarbeitung, dem Gefühl nicht genug zu machen, etwas nicht gerecht zu werden oder Stress, empfinde ich es sehr hilfreich mir zu überlegen, welchen Tipp ich mir geben würde, wenn ich selbst meine enge Freundin wäre. Auf die passe ich nämlich auf. Bei meinen MitbewohnerInnen oder FreundInnen merke ich, wenn es Ihnen nicht gut geht oder sie gestresst sind und ich versuche sie zu unterstützen, unter die Arme zu greifen oder ermutige sie, eine Pause einzulegen oder etwas für sich zu machen. Diese fürsorglichen Gedanken kommen aus Liebe zu anderen Menschen. Diese fürsorglichen Gedanken vergessen viele Menschen manchmal zu sich selbst. Und bell hooks beschreibt diese Idee als zweiten Dimension der werte-orientierten Handeln.
Es gibt noch eine dritte Dimension, die in dem Kapital besprochen wird. Neben dem engen Umfeld und dem Blick auf sich selbst, gibt es circa 8 Milliarden weitere Menschen auf der Erde. Es gibt 380.000 Pflanzenarten auf der Welt. Es gibt 80.000 Buckelwale, 2.5 Millionen Flamingos und 35 Millionen Kamele weltweit. Du wirst niemals alle sehen, treffen oder erleben. Dennoch kann jede Person theoretisch, und das ist Teil der sogenannten “Love Ethic”, nach seinen besten Möglichkeiten den Planeten zu respektieren. Öfter im Buch werden die 6 Bestandteile von Liebe nach Hooks beschrieben, Respekt ist einer davon. 2 weitere sind Verantwortung und Commitment. Und hier gibt es im Buch viele Beispiele zum Thema Rassismus, zu Gewalt gegen Frauen oder zu Sexismus, die aufzeigen, dass es eine Lücke gibt zwischen verbalem Commitment und dem aktivem Commitment und Verantwortung gegenüber diesen Themen. Es gibt also die Möglichkeit, aktiv nicht rassistisch zu sein, persönlich keine Gewalt auszuüben, weniger zu fliegen oder Müll verantwortungsvoll zu entsorgen, aber es gibt auch das öffentliche Commitment. Das sind dann Beispiele wie offen Rückgrat zu zeigen in einer Diskussion, bei einer Demonstration gegen Rassismus dabei zu sein, Informationen zu verteilen zu Projekte, die sich für oder gegen marginalisiert Gruppe engagieren oder sogar einer solchen Gruppe beizutreten. Den öffentlichen Schritt gehen viele nicht. Im Buch wird als ein Grund genannt, dass es Angst sein könnte, sich gegen den Status Quo zu stellen. Die Meinung der anderen spielt ins Gewicht.
Ich empfinde die 3 Dimensionen, in denen Liebe praktiziert werden kann, total passend und logisch und ich kann mir gut vorstellen, darauf mehr in meinem Alltag zu achten. Und hier möchte ich kurz Achtung zu mir selbst sagen. Denn an diesem Punkt kann es schnell zu Überforderung kommen. Aus meiner Sicht ist die Idee hier nicht die 3 Dimensionen immer gleichzeitig zu bedenken und alle zu befriedigen oder in einer “perfekt” zu werden, sondern eine Balance für sich zu finden, die von jedem etwas hat. Ich teile mal, was meine Idee von einer realistischen Praxis ist:
Wenn ich mir zum Beispiel meinen Tag anschaue, kann ich ganz gut reflektieren, warum ich wann was gemacht habe. Statistisch gesehen, trifft ein erwachsener Mensch pro Tag 35.000 Entscheidungen. Viele davon treffen wir automatisch, das Gehirn wird geschont, wir haben Entscheidungen eingeübt, wie “Soll ich mir jetzt meine Zähne putzen? Ja.” Oder “Was frühstücke ich jetzt? Müsli.” So wird Energie gespart und Überforderung reduziert. Es gibt aber auch Entscheidungen, die wir aktiv treffen. Sagen wir mal es sind 10 Entscheidungen, an die ich mich recht schnell abends erinnern kann: Fahre ich mit dem Fahrrad oder Bahn? Mache ich heute Sport oder nicht? Rufe ich heute Oma an? Und genau hier sehe ich die Möglichkeit Liebe zu üben.
Bell hooks stellt also 3 Dimensionen von einer “Liebes-Ethik” als weisende Kraft im Alltag dar: 1. Liebe gegenüber deinen Mit-Menschen. 2. Selbstliebe und 3. Liebe zur Natur. Da Liebe für mich ein sehr starker Begriff ist, würde ich es vielleicht eher so formulieren: meine Freunde und Familie sind mir sehr wichtig, ich bin mir wichtig, die Umwelt und Natur sind mir sehr wichtig. Bevor ich in das Handeln gehe, schaue ich mir erstmal an, wie ich überhaupt aktuell meine Entscheidungen treffe. Und da beginne ich mal mit diesen 10 Entscheidungen pro Tag von oben. Ich schaue mir einigen Tage hintereinander meine 10 täglichen Entscheidungen an. Wie entscheide ich mich am häufigsten? In welche der 3 Dimensionen zieht es mich meistens? Vielleicht sogar in keine von den Dreien? Der erste Schritt ist erstmal Beobachtung. Der zweite Schritt ist dann wahrscheinlich die Reflexion. Finde ich gut, was ich beobachte. Kann das so bleiben? Bin ich zufrieden damit? Oder würde ich gerne etwas verändern?
Ich beschreibe gerade den Prozess, als hätte ich es noch nicht gemacht, aber eigentlich habe ich schon recht gut reflektiert. Eins ist klar: ich möchte ein bisschen mehr Entscheidungen in Richtung Selbst-Liebe treffen, da ich darin am schlechtesten bin. Und ich möchte, dass vielen Entscheidungen, die gar nichts mit den drei Dimensionen zutun haben, weniger werden. Zum Beispiel habe ich in der Vergangenheit manchmal Entscheidungen getroffen, weil ich dachte, es sind gesellschaftliche Konventionen. Das erinnert mich an Big Bang Theory, die Serie, und bringt mich zum Schmunzeln. Gesellschaftliche Konventionen erfüllen teilweise sinnvolle Zwecke, aber einige empfinge ich auch als altmodisch und nicht mehr passend zu meinen Werten. Ich gebe mal ein einfaches Beispiel. “Es gehört sich nicht, zu einem klassischen Konzert zu gehen, mit normalen Strassenklamotten.” Ich habe manchmal Spass daran, mich schick zu machen. Allerdings fühle ich, dass durch die Kleiderordnung eine Ausgrenzung passiert. Was, wenn jemand mit wenig Geld, die Veranstaltung besuchen will, aber kein Jacket, Anzug oder schicke Schuhe hat? Ich würde mich komisch fühlen. Wer kennt es nicht, das Gefühl “over- oder under-dressed zu sein”. Oder? So habe ich zum Beispiel entschieden, zu Veranstaltungen, in denen es Konventionen zu Kleidung gibt, nicht so stark danach zu gehen, was als schick angesehen wird aus Augen der wohlhabenderen Gesellschaft, sondern in Kleidung, in der ich mich wohl fühle und gleichzeitig keine kulturellen Werte mit den Füssen trete. Ich empfinde es einfacher, diese Entscheidung einmal zu treffen und nicht jedes Mal, bevor ich irgendwohin gehe. Das nimmt mir eine Vielzahl der 35.000 Entscheidungen pro Tag schon mal ab.
Ähnlich habe ich 4 weitere Universal-Entscheidungen getroffen, die ganz gut hier in diese 3 Dimensionen reinpassen:
- Ich fahre immer mit dem Zug, wenn mein Ziel in bis zu 10h Zugstunden zu erreichen ist.
- Ich ernähre mich vegetarisch, ausser, wenn jemand für mich aufwendig gekocht hat und nicht wusste, dass ich vegetarisch esse oder wenn ich sicher bin, dass das Tier, welches ich esse, nicht in Massentierhaltung oder anderer Art von Folter leben musste.
- Ich gebe jeder Person, die mich um Geld bittet auf der Strasse oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen 20 und 50 Cent.
- Ich mache mindestens 4 mal pro Woche Yoga, auch wenn es nur 10…15 Minuten sind.
Neben den drei Dimensionen nehme ich aus dem Kapitel noch zwei weitere Gedanken mit. Zum einen zeigt bell hooks einige Beispiele auf, in denen Menschen sagen, sie finden etwas gut, stehen hinter den und den Werten, handeln aber nicht danach, machen manchmal sogar das Gegenteil. So wird das werte-orientierte Handeln eher zu einem Aussprechen von Werten (was auch gut ist, um sich oder andere daran zu erinnern, Worte haben auch Macht), allerdings fehlt das Handeln. Seitdem ich darüber gelesen habe, ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich auch über Themen spreche, hinter denen ich total stehe, aber dann überlege, ob ich eigentlich jemals aktiv geworden bin. Da ich viel öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, sammele ich quasi solche persönlichen Studien. Genau in diesem Moment, wo ich an diesem Text sitze zum Beispiel. Es sitzen 3 junge Erwachsene in meinem Vierer-Abteil, so zwischen 25 und 38 würde ich schätzen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie würden in einem Gespräch mit KollegInnen, im Freundeskreis oder auf Social Media klar sagen, dass sie es wichtig finden, dass Entscheidungen in ihrem Land auf Grund der Bedürfnisse von den dort lebenden Menschen getroffen werden sollten, dass es wichtig ist, sich demokratisch und politisch einbringen zu können und dass sie es sich wünschen, dass es mehr und gute Züge gibt, die in Europa das Auto und Flugzeug ersetzen können. “Ja, das sehe ich auch so.” Sehr wichtig, bin ich total dafür”. Es kommt eine Mitarbeiterin des Zuges vorbei und fragt, ob wir eine 15-minütige anonyme Umfrage ausfüllen können zum Thema “Zugfahren über Ländergrenzen, zur Planung zukünftiger Infrastruktur”. Alle lehnen ab.
Des Weiteren beschreibt bell hooks die Liebe mit 6 Substantiven, die ich als ultra hilfreich empfinde.
Liebe ist “respect, responsibility, commitment, care, trust and knowledge”. Ich würde noch “honesty” hinzufügen. Und ich bin noch unsicher, wie ich Care und Knowledge in dem Thema genau in Deutsche übersetzen würde und was genau das bedeutet. Wenn ich so schreibe, merke ich, dass genau diese Auseinandersetzung mit dem Thema Liebe, das lesen des Buches und das Schreiben diese Zeilen vermutlich zum Thema “knowledge” gehört. Aber mal sehen, ob ich im Laufe des Buches noch zu mehr Erkenntnis komme. Ich finde es gut, dieses grosse romantisch-versiegelte und auch manchmal schmerzende Wort von Liebe in diese 6 Wörter zu teilen. Vor allem, wenn es eine Interaktion mit anderen Menschen geht. Oder wenn es darum geht, Entscheidungen im Beruflichen oder Persönlichen zu treffen. Heute ist der Geburtstag meines Ex-Partners, der vor 3 Jahren gestorben ist. Deshalb ist es auch immer wieder einer Zeit für mich, um mich mit der Frage der Liebe zu beschäftigen. Wenn man die Liebe verloren hat, ist es gar nicht so einfach, sie wiederzufinden oder zu sagen, was sie eigentlich ist. Die Frage der Liebe wird durch den Tod stärker ans Licht gebracht. Auch im positiven Sinne, so war es bei mir zumindest mit der werte-orientierten Liebe. Deshalb in diesem Sinne: Von Herzen alles Liebe zu deinem Geburtstag Alex. Und ein riesen Dankeschön an bell hooks. Und an meine Mitbewohnerin, die mir dieses Buch empfohlen hat. Und an die Züge, die mir immer schön viel Zeit und Musse geben, meine Texte zu schreiben. Die Umfrage hat übrigens nur 12 Minuten gedauert 🙂
