Was ist Krieg?
Einige meiner Freunde fragten mich, wie das denn genau ist – im Krieg. Was bedeutet das? Was genau passiert? Nun. Ich kann natürlich keine Auskunft geben über jeden Krieg, aber über ein Beispiel kann ich sprechen.
Drinnen, im Krieg.
Meine Erfahrung im Krieg spielte sich vor allem drinnen ab und hat sich hauptsächlich auf den Gehörsinn beschränkt. In der Wohnung wartend, während in der Stadt um einen herum ein Krieg ausbricht, klingt ungefähr so: Kannst du dir vorstellen, wie sich ein Feuerwerk anhört? Ok, also es ist einmal aller 15 Minuten ein Feuerwerk. Dann gibt es noch die Explosionen, die ab und zu ertönen. Das klingt dann wie ein stumpfer lauter Knall. Die folgenden zwei Töne sind für die meisten in meiner Situation am meisten besorgniserregend. Es gibt zum einen das Pfeifen. Es klingt wie eine Pfeife, die aber nicht ganz laut geblasen wird, sondern nur leicht, mit viel Spucke. Es ist kein klarer Ton, sondern mehr ein Summen. Dieses Summen zeigt an, dass ein Schuss aus einer Pistole gerade erst gestartet ist. Quasi, wenn die Patrone losfliegt. Wenn man den Ton hört, weiss man also, dass man so nah sein muss, dass es überhaupt möglich ist diesen Ton zu hören. Nummer 4: die Jets. Ich denke, jeder von uns hat schon mal einen Düsenjet über sich fliegen sehen und hören. Es ist ein sehr lauter, dröhnender Ton. Vor diesen Tönen hatten die meisten meiner Freunde Angst. Warum? Weil diese Jets Bomben abgeworfen haben, an Stützpunkten, die der Gegner besetzt hat. Aber zum versucht der Gegner diese Jets abzuknallen und zum anderen muss die abgeworfene Bombe ja nicht immer akorad und ein den Gegner treffen. Das heisst, es gibt viele Kollateralschäden.
Töne also. Ein weiteres Merkmal von Krieg ist Mangel und die damit gebundene Sorge die Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigen zu können. Die Schiessereien auf der Strasse sind gefährlich, sodass sich viele Menschen nicht auf die Strasse trauen und somit es sehr eingeschränkt ist Lebensmittel und Trinkwasser zu besorgen. Weiterhin ist die Infrastruktur (Wasser, Strom, Internet) auch ein Mittel, um den Gegner zu schwächen oder Macht zu demonstrieren. Was passiert also im Krieg? Eine Partei nimmt die Telekommunikation-Tower ein, Generatoren zum Abkühlen der Server von Internetanbietern werden zerstört, Stromhauptleitungen werden zerbombt und und und. Diese ganzen Hindernisse führen im Krieg zu präkeren Situationen der Personen in den Häusern und Wohnungen. Auch wenn du zunächst in deinen eigenen 4 Wänden sicher zu sein scheinst, wenn das Trinkwasser zur Neige geht, ist jedes gemütliche Bett oder ein kühlender Ventilator nichts wert. Ergo, im Krieg verbringt man sehr viel Zeit damit, zu kalkulieren, wie viel von was noch da ist. Die Gedanken- oder Gesprächsthemen sind: Wo könnte man neues Wasser besorgen? Hast du die Powerbanks und Solarlampe tagsüber aufgeladen? Ich muss Handy und Laptop sparsam benutzen. Wie kann ich beim Abwasch, Duschvorgang oder Zähneputzen so wenig Wasser wie möglich verwenden?
Es war für mich nicht das erste Mal in meinem Leben mit sehr eingeschränkten Strom-, Wasser-, Internet- oder Nahrungsvorräten mal zurechtzukommen, in Ghana, Sudan oder manchmal auf Reisen. Dennoch waren die meisten Situationen zuvor absehbar, geplant und mit dem Ausweg in Sicht. Der war dieses Mal nicht so wirklich klar.
Draussen, im Krieg.
Um jetzt hier zu sitzen und euch das alles schreiben zu können, muss es irgendwann mal den Moment gegeben haben, in dem ich meine Wohnung verlassen habe. Wenn ich an meine Wohnung denke, werde ich traurig. Bereits die Entscheidung, die Wohnung, Khartoum, zu verlassen, machte mich traurig. Draußen zu sein im Krieg bedeutet in meinem Fall ein Gefühl von Unsicherheit und Lähmung. Man weiss nicht was passiert, rechnet mit allen, aber auch mit nichts. Und man weiss, wenn irgendetwas der negativen Szenarien eintrifft, kann man nicht vorher planen, wie man reagiert. Die meisten Personen, die ich kenne, die selbständig während des Krieges auf den Strassen waren (mich eingenommen) haben mindestens einmal eine Begegnung mit Milizen gehabt. Des Weiteren wird man sehr oft kontrolliert von anderen Soldaten. Es ist schwer an Geld zu gelangen. Bezin ist super teuer. Jede Person, die du siehst, versucht keinen Blickkontakt aufzunehmen. Menschen draussen laufen gleichzeitig schnell und langsam – so langsam dass man nicht auffällt, und doch zügig, um schnell irgendwo drinnen zu sein. Die Strassen sind leer. Shops leer. Autos verbrannt. Die Stimmung ist stets angespannt.
> Triggerwarnung: hier gibt es Gewaltbeschreibungen. Springt zum nächsten Abschnitt “in Sicherheit” wenn du dich damit wohler fühlst.
Erfahrungen von anderen
Nicht nur im Sudan, auch in anderen Kontexten habe ich schon von Einschüchterungsstrategien gehört. Oder von negativen Nebeneffekten von Krieg. In Kriegen sind Plünderungen, Vergewaltigungen, Rekrutierung von ZivilistInnen und verbale Einschüchterung Teil des Lebens. Leider auch in diesem Krieg. Freunde berichten mir von sehr unangenehmen Begegnungen mit bewaffneten Menschen, von Einbruch, Raub, Verwüstung der Wohnung, Durchsuchen am Körper und der Rucksäcke, Kalaschnikov im Nacken, während sie einen aus der eigenen Wohnung scheuchen, Vergewaltigung, Angriff auf ein Auto in dem Menschen flüchten wollen, Rekrutierung von Ärztinnen, die auf der Flucht angehalten werden. All das passiert auch. Nicht jedem. Nicht jeder. Nicht überall. Aber leider viel zu oft. Und vermutlich jeden Tag.
Ende Triggerwarnung.
In Sicherheit.
“Jetzt bist du gottseidank in Sicherheit.” Das habe ich einige Male gehört, nachdem ich zurück in Deutschland war. Ja, das stimmt, ich bin jetzt in Sicherheit. Allerdings ist der Krieg in dem Moment leider nicht vorbei. Für mich nicht, mental. Für meine Freunde nicht, im Alltag und mental. Warum? Dazu komme ich jetzt.
Nach der Flucht ist vor der Flucht
Viele meiner FreundInnen reisen von Ort zu Ort, von Land zu Land. Jedes Mal nur 1-3 Monate Visum, schwierig Fuss zu fassen, es gibt legale Barrieren zu arbeiten. Es ist neu, es ist anstrengend. Das ist der Alltag nach einer Flucht.
Immer der Rucksack dabei. Zunächst beobachtete ich diese Angewohnheit bei einem Kumpel aus Syrien – zu jeder Tag und Nachtzeit trägt er einen recht grossen Rucksack mit sich herum. Warum eigentlich, fragte ich. Die Antwort ist plausibel: “ich will immer vorbereitet sein.” Pass, Dokumentkopien, Wasser, ein Wechselshirt sind immer dabei. Heute kenne ich mehr als ihn. Viele meiner sudanesischen Freunde machen das jetzt auch.
Feststecken. Oft sind die Länder aus denen Menschen flüchten ohnehin schon nicht sonderlich beliebt international. Kein Wunder, die eigene Bevölkerung ist mittlerweile auch kein Fan mehr mehr des Landes. Kriegsgeschehen und herumwütende Diktatoren oder Militärführer sorgen für noch mehr Hürden als ohnehin schon. Immer auf dem Rücken der Zivilbevölerung und in diesem Beispiel der Menschen, die woanders Sicherheit suchen. Ihr könnt ja mal beim Passradar schauen auf welcher Stelle euer Pass und im Gegensatz dazu zum Beispiel der Syrische, Afghanische oder Sudanesische ist. Was bedeutet das? Ein- und Ausreisen, Visabeantragungen, Reisevorhaben werden zu einer Turtor und erfordern ein hartes Fell und den Umgang mit sehr viel Ablehnung.
Arbeiten & Wohnen.
Wie schnell kann man eigentlich wieder arbeiten, nachdem man eine Flucht erlebt hat? Es ist tricky. Es gibt die, die Ablenkung suchen, sich in die Arbeit stürzen, wenn sie noch Arbeit haben. Es gibt die, die gelähmt sind, depressiv, apatisch, überfordert – es ist extrem schwer zu arbeiten, sich zu konzentrieren, einen Sinn in irgendetwas zu finden. Und es gibt die, die keine andere Wahl haben. Arbeit bringt Geld für die eigene Familie – also muss ich etwas finden – also muss ich sofort wieder arbeiten. Das hat weniger mit “wow, wie du das machst” als mit “shit, ich weiss es ist anstrengend, aber du musst” zutun. Hat man Job oder Ersparnisse, stellt sich die nächste Frage: Wo soll man wohnen? Wie sind die Gesetze im neuen Land? Wie lange darf ich hier bleiben? Und was danach? Wohin danach? Wie soll ich das meinen Kindern erklären. Flucht vor Krieg ist schrecklich! Aber die Zeit danach nicht weniger einfach. Ich kenne sogar Leute, die geflüchtet sind aus einem Kriegsgebiet, in einem neuen Land Fuss gefasst haben (Job, Wohnung, Alles) und dann ein zweites Mal flüchten mussten.
Geld.
SudanesInnen haben in der Regel keinen Zugang zu einem international Bankaccount: da Sudan 30 Jahre lang sanktioniert war. Die sudanesische Zentralbank hat nur Filialen in Dubai und Kairo. Das heisst, das Bezahlen mit Kreditkarte ist nicht möglich, irgendwie muss immer Bargeld her. Woher, wenn der Job jetzt durch den Krieg weg ist? Alle Familien legen zusammen, leben sparsam, nehmen Jobs an, die sie sonst nicht in Erwägung gezogen hätten, leihen Geld.
An Flughafen und Grenzen.
Und die Herausforderungen fangen nicht erst an dem Ort an, zu denen man sich zu retten versucht. Die Herausforderung kann dich direkt am Flughafen treffen, einem Ort, der viele Freude auf Urlaub bedeutet. Es ist bereits die dritte Geschichte, die ich direkt mitbekomme, wo eine Airline eine sudanesische Person nicht durchlassen will, obwohl alle Unterlagen korrekt sind. Das ist entweder Rassismus oder einfach komplettes Abhandensein von Hilfsbereitschaft. Erster Fall: Eine 70-Jährige Frau wegen Sprachbarriere (sie spricht Arabisch, kein Englisch). Zweitens: Eine Familie mit Kind und Oma aufgrund eines kurzfristigen Gesetzesentschlusses, der nicht mal schriftlich vorgezeigt werden konnte. Drittens: Ein Mann, dessen Multiple Entry Visum in die Türkei als Fake betitelt wird, weil er nicht direkt am Anfang die Fragen richtig verstanden hat. Der letzte Mann war soeben vor mir in der Schlange. Ich frage, ob ich helfen kann. Die Airline BeamtInnen schicken mich weg, ich soll mich nicht einmischen. Ich bin so wütend. Ich mische mich ein. Ich spüre die selbe Wut und Traurigkeit, die ich an Grenze in zwischen Sudan und Äthiopien spürte. Ich werde keine 10 Sicherheitsfragen gestellt, mein Kumpel schon. Ich werde gefragt, was genau ich brauche, meinem sudanesischer Freund wird nicht mal auf seine Frage geantwortet. Es kommen Organisationen mit Angestellten über die Grenze, mit exakt dem selben Pass und den selben Konditionen wie mein Kumpel, sie sind nach 4 Stunden durch. Er verbringt 10 Tage. Der sudanesiche Passagier in der Schlange vor mir – wird weggeschickt. Nach 4 BeamtInnen des Flughafens, die wir bitten hier zu vermitteln, wird es nochmal drangenommen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich ihn im Flugzeug sehe. Ich komme am Flughafen in Deutschland an, ALLE schwarzen Passagiere werden unfreundlich und schroff noch vor der eigentlichen Passkontrolle angehalten und der Pass wird kontrolliert, alle weissen Personen werden durchgewunken. Wut und Traurigkeit. In was für einer Welt leben wir? Ich möchte nicht in so einer Welt leben. Letztens meine die Mutter meiner Freundin (Sudanesin, geflohen über Äthiopien nach Ägypten): “Früher war ich immer aufgeregt auf positive Weise, wenn es zum Flughafen ging. Es war aufregend und ich war voller Vorfreude. Heute steigt in mir die Angst hoch und der Scham, wenn ich schon auf dem Weg zum Flughafen bin.” Ich hoffe mein Kumpel hat recht, als er heute zu mir sagte: “in 30 Jahren wird die Weltbevölkerung so vermischt sein, dass Leute gar nicht mehr automatisch eine Unterscheidung machen.”
Der Krieg im Kopf.
Auch wenn eine Person nur einige Abschnitte dieser Aufzählung erlebte – es bleibt. Ich werde es nie nachvollziehen können, aber die Traurigkeit in den Gesichtern meine Freunde über ihr zu Hause, das so nicht mehr existiert, weiss ich zu erkennen. Wie oft in den Satz gehört haben “ich kann es immer noch nicht glauben. Ich will einfach aufwachen und alles war nur ein Traum” kann ich gar nicht mehr zählen. Die Menge an Herausforderungen, die plötzlich auf einen einplatzt, kaum aushaltbar. Und die Sorgen um die Personen, die nicht in Sicherheit, in schwierigen Situationen oder nicht erreichbar sind, sind schmerzhaft.
Das alles ist Krieg.
Ich will natürlich niemanden mit meinen Worten deprimieren. Ich glaube, ich hatte es sogar geschafft über den Tod meines Partners damals lustige Anekdoten mit einzubauen. Und es ist keineswegs so, dass mich dieser Krieg zu sehr aus der Bahn wirft, wie andere Dinge zuvor in meinem Leben. Allerdings ist dieser Krieg leider gestern und heute und morgen Realität von Menschen, die ich kenne. Mein Teammitglied in Ayala, Darfur, mein Kumpel im Nordsudan an der Grenze, meine Freundin in Kairo. Aus Respekt denen gegenüber, die noch mitten drin sind, lasse ich meinen Humor heute mal beiseite und trage einfach nur dazu bei zu informieren.
Ich habe die Hoffnung, dass dieser und andere Texte euch ebenso dazu bringt, eure Meinung zu Geflüchteten oder Migranten zu reflektieren. Ich hoffe sie bringt euch dazu, dankbar zu sein, für das was ihr habt. Ich hoffe es bringt euch dazu, heute Abend in den Himmel zu schauen und für eine Sekunde einen Wunsch zu versenden, an jemanden, der in diesem Moment genau diesen Wunsch braucht. Ich hoffe sie bringt euch dazu, Projekte zu unterstützen, die Menschen im Sudan unter die Arme greifen.
Danke.
Eure Theresia
