Außer der Stromausfälle hat sich in meinem Leben nicht viel verändert.
Ich nenne Berlin meine Heimat, seit 2014 lebe ich dort. Berlin ist verrückt, groß, bunt, international und voller Möglichkeiten. Berlin ist eine Start-up Metropole, Partyhauptstadt, zieht jedes Jahr Millionen Touristen an und hält sich am Slogan fest “arm aber sexy”. Kann da Khartoum mithalten?
Nachdem ich mich vor 10 Monaten zum zweiten Mal auf den Weg in den Sudan (genauer in die Hauptstadt Khartoum) begeben habe, fragen mich natürlich viele Freunde und Bekannte: “Und, wie ist`s?”
Ich erinnere mich, dass ich einmal ganz spontan die Antwort gab: “Naja, also im Prinzip recht ähnlich wie mein Leben in Berlin.” Während mit dieser Satz über die Lippen ging, überlegte ich, ob das überhaupt stimmt. Ich dachte, ich brauche noch etwas Zeit, diese Gedanken zu verinnerlichen. Ich möchte Khartoum noch etwas Zeit geben, sich mir zu öffnen.
Ich habe ihr Zeit gegeben. Ich habe meinen Alltag gefunden und kann nach 10 Monaten mit gutem Gewissen ein Resumé zu dieser Aussage ziehen.
Mein Alltag
Mein Wecker klingelt, ich quäle mich aus dem Bett und putze meine Zähne. Ich mach 10 Minuten Yoga und bereite mir Müsli mit Obst zu. Ich schlinge schnell herunter, ziehe mich an, mache mich fertig und fahre ins Büro. Ich klappe den Laptop auf und checke kurz, ob und wann Termine anstehen. Ich gehe runter, fülle meine Wasserflasche aus und schenke mir Kaffee ein. In der Mittagspause sitzen wir alle zusammen und essen. Gegen 5 muss ich mich beeilen, um nach Hause zu kommen. Ich will noch etwas essen, bevor ich nachher zum Sport gehe. Ich hab später Kickboxen. Eine aus der Klasse nimmt mich danach immer mit dem Auto mit und setzt mich zu Hause ab. Ich dusche, esse nochmal was und telefoniere mich einer Freundin. Vor dem Schlafen schaue ich noch eine Folge von irgendeiner Serie auf Netzflix, lese oder schreibe Tagebuch. Dann werden die Augen zugemacht.
Das ist ein typischer Arbeitstag hier, wie ich ihn in Khartoum verbringe. Und so ungefähr war auch ein typischer Arbeitstag in Berlin. Der einzige Unterschied ist der Fahrtweg. In Berlin fahre ich mit dem Rad oder den Öffentlichen, hier in Khartoum nehme ich mein Motorrad. 1:0 für meine Hypothese.
Einkaufen
Zunächst einmal, ich hasse einkaufen. Es ist für mich also eher ein Übel, was gemacht werden muss. In Berlin, wie in Khartoum. In Berlin fragten mich einige Freunde, warum ich nicht ab und zu über Rewe online bestelle, dann könnte ich mir “das lästige Übel” sparen. Aber das ist auf Dauer dann auch recht teuer und ich möchte ungern die Ausbeutung bei Lieferdiensten unterstützen. Die Leute werden dort ja meist extrem schlecht bezahlt und haben auch so ingesamt schlechte Arbeitsbedingungen. Nun gut, ich gehe also in Berlin zu Aldi, Rewe oder Denns, alles fußläufig. Ich kaufe meist so viel wie ich tragen kann und gehe 1 bis 2 mal pro Woche. Alles, was mir zwischendurch, meistens spät abends, oder schon kurz vor der Haustür noch einfällt, kaufe ich beim Späti. Der Späti hier in Khartoum heißt “Dukaan”. Das ist arabisch für Kiosk oder kleiner Supermarkt. Davon gibt es hier ungefähr genauso viele und an jeder Ecke, wie die Spätis in Berlin. Ich habe Glück, denn direkt neben meiner Haustür hier gibt es direkt einen. Ähnlich wie bei meinem Stammspäti in Berlin kann ich mich hier mit dem Verkäufer nur sperrlich verständigen, Nihad aus der Kopernikus ist aus der Türkei und spricht gebrochen Deutsch und ich spreche Null Türkisch, mein Späti-Typ hier in Khartoum, dessen Namen ich noch nicht kenne (bin ja aber auch erst 10 Monate hier :D) spricht sehr wenig Englisch, ich sehr wenig Arabisch. Die Fülle unserer Konversationen sind also recht ähnlich. Anstatt Rewe, Lidl und Denns gibt es hier in Khartoum fußläufig 2 größere Supermärkte, Suna Supermarkt und Al Anfal Supermarkt. Suna boykottiere ich, seit ich weiß, dass der Supermarkt der Frau des ehemaligen Diktators Al Bashir gehört. Deshalb ist Al Anfal im Prinzip meine Adresse einmal wöchentlich, um einzukaufen. Was mir in Berlin fehlt, gibt es hier. Was mir in Khartoum fehlt, gibt es in Berlin. Die Rede ist von Alkohol, Süßigkeiten und frischem Obst und Gemüse. Letzteres ist ein Paradis hier in Khartoum im Al Anfal Supermarkt. Das Obst und Gemüse hier ist einfach so intensiv und frisch und lecker, da kann kein Rewe und Aldi und sogar Denns mithalten. Dafür gibt es keinen Alkohol und nur eine sehr limitierte Auswahl meiner Lieblingssüßigkeiten zu kaufen. Im Großen und Ganzen muss ich aber sagen: 2:0 dafür, dass sich meine Einkaufsgewohnheiten in Khartoum und Berlin nicht wirklich unterscheiden.
Diversität
Das was ich an Berlin so liebe, ist, dass man jeder Straßenecke eine andere Sprache hören, sich durch die kulinarische Weltkarte schlemmen kann und Zugang zu Kunst und Kultur aus aller Welt hat. Ich laufe durch die Straßen, hab irgendwas an, es interessiert niemanden, begegne Dragqueens, Touris, Punks, Berghain-Menschen, Omis, Opis, schwitzenden Sportis, Leuten mit Anzug und Menschen, die vermutlich noch ihren Pyjama anhaben. Ich sehe Farben oder schwarze Kleidung, viel nackte Haut oder keine, lange und kurze Haare.
In Punkto Sprache, Herkunft und Kleidung ist es in Khartoum etwas anders. Ich würde sagen, dass ich auf der Straße am allermeisten sudanesischen Männern begegne. 50% der Männer tragen das traditionelle Gewand, Jallabia, in weiß. Die anderen 50% Jeans und Tshirt oder Hemd. Ich sehe auch viele sudanesische Frauen. Die älteren Frauen haben sich oft ein buntes Gewand umgewickelt, namens Toob. Die meisten jüngeren Frauen tragen lange Röcke, weite Hosen, ein langes Kleid, eine langärmlige Bluse oder Tshirt und Kopftuch. Einige tragen ihr Haare offen, ohne Kopftuch, aber es ist noch zu selten in Khartoum, deshalb fällt es mir immer explizit auf. Es gibt einige Cafes und Restaurants und auch bei mir auf Arbeit, da sind es manchmal 50% ohne Kopftuch, in Jeans und Tshirt. Aber so auf der Straße ist das Bild noch anders. Es gibt auch einige Syrer, Türken und Leute aus Saudi Arabien, die ich ab und zu sehe, aber die Mehrheit ist aus dem Sudan.
Ob ich mich anders kleide als in Berlin? – ja! ich habe meinen Stil nicht verändert, aber ich achte darauf, dass Röcke oder Hosen mindestens irgendwo zwischen Knöchel und Knie enden. Und in der Regel trage ich auch obenrum eher etwas, was bis über den Ellbogen reicht. Ein Tuch hatte ich mir damals in Gedaref manchmal über den Kopf gelegt, aber Gedaref ist auch das Wiederborstel von Deutschland. Hier vergleichen wir ja die Hauptstädte. Der Grund für meine Kleiderwahl ist kein Verbot. Nach der Revolution im Juni 2019 wurden die Kleiderregeln für Männer und Frauen aufgehoben. Also rein gesetzlich könnte ich mich bei sommerlichen 36 Grad mit kurzer Hose und Top hinaus begeben. Aber das möchte ich nicht. Nach 30 Jahren Diktatur und Regeln ist es auch in Ordnung, einer solchen Veränderung etwas Zeit zu geben. Es ist ein bisschen so wie bei Oma. Theoretisch kann ich auch mit zerrissener Jeanshose und mit Pommes bedrucktem Top zu Oma fahren. Aber das sieht die Oma nicht so gern und dann passe ich mich an. So verhalte ich mich auch hier in Khartoum. Wenn ich unter FreundInnen bin, zu Hause bei mir oder an Orten, wo die junge und progressive Szene unterwegs ist, lasse ich davon auch etwas ab und kleide mich lockerer.
Kulinarisch kann man sich mehr freuen. Neben Sudanesisch, gibt es hier lecker Yeminitisch, Türkisch, Äthiopisch, Chinesisch, Japanisch, Syrisch, Mexikanisch und Amerikanisch nicht zu vergessen (Burger und Pommes ist damit gemeint :))
In Punkto sexuell divers gibt es für Khartoum wieder einen Minuspunkt. Nicht, weil es hier nicht auch alle möglichen Menschen mit allen möglichen sexuellen Ausrichtungen gibt, aber sie dürfen es nicht offen zeigen. Vor allem Homosexualität bei Männern ist sehr stark verpönt, tabuisiert und kann Folgen von Gewalt mit sich bringen.
Alles in allem, ziehen die Unterschiede nach und es steht 2:1.
Demonstrationen
Sowohl mein Alltag hier in Khartoum als auch der in Berlin ist von Demonstrationen bestimmt. Nicht, weil ich an jedem Protest selbst teilnehme (in Berlin tue ich das ab und an, in Khartoum nicht), sondern weil es zur Folge hat, dass Straßen gesperrt sind, Verabredungen nicht klappen oder ich eher von zu Hause arbeite als ins Büro zu gehen. Die meisten Themen der Demonstrationen sind für mich unterstützenswert, wie zum Beispiel Frieden, Klimaschutz, Umweltschutz, Nothilfe, mehr politische Teilhabe, Demokratie oder Gleichberechtigung. Aber es gibt entscheidende Unterschiede von Demonstrationen in Berlin und solchen in Khartoum. Die Themen im Sudan sind existentieller und es ist sehr gefährlich an Demonstrationen teilzunehmen. Was bedeutet das? Die Menschen in Khartoum leiden unter Hyperinflation, keiner starken Wirtschaft, schlechten Straßen, einer lückenhaften Gesundheitsversorgung, Gewaltandrohung durch Militär, keine Pressefreiheit, Schul- und Universitätsschließungen und einer erneuten drohenden Militärdiktatur. Auf den Demonstrationen wird an Tränengas nicht gespart, die Militärkräfte setzen Gewalt und Waffen gegen Demonstrierende ein und es gibt Nachrichten von Personen, die nach der Teilnahme an Demonstrationen zu Hause oder auf dem Heimweg festgenommen wurden. Die instabile politische Lage und die damit in Verbindung stehenden Demonstrationen sind für mich der Hauptpunkt (und fast einzige Punkt) auf meiner Kontro-Liste des Sudans. Nichtsdestotrotz, wer mitgezählt hat, steht der Stand bei 2:2 in Punkto Unterschieden und Gemeinsamkeiten meiner zweier Lebensmittelpunkte.
Kunst & Kultur
Es ist hier in Khartoum auf Anhieb nicht so leicht herauszufinden, was wo wann stattfindet und viele Flyer und Poster sind auf Arabisch. Aber sobald man die richtigen Newsletter und Freunde hat, die einen mit Infos versorgen, weiß man kaum, wo man zuerst hingehen soll. Das Gefühl hatte ich auch oft in Berlin. Es gibt Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Performances, Vorträge und Filmvorführungen. In Khartoum wie in Berlin. Ich habe erst vor Kurzem begonnen, mich in diese Szene hier zu wagen und bin begeistert. 3:2 für die Ähnlichkeiten.
Love, Sex & Rock’n’Roll
Es gibt viele gesetzliche und gesellschaftliche Verbote im Sudan und dementsprechend auch keine große Szene oder Öffentlichkeit zum gewählten Titel. Aber dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, gibt es keineswegs weniger zu besprechen. Die Themen der jungen Leute kreisen sich hier, in Khartoum wie ich Berlin, um Datingapps, Boyfriends und Girlfriends, Erwartungen, Knutschen, heimlich rausschleichen, Liebeskummer, Betrug und wer mit wem und überhaupt. 4:2 dafür.
Über Gott und die Welt
Ich darf euch jetzt schon verraten, mein Text heute wird mit 5:2 enden. Den Punkt auf Seite der Ähnlichkeiten meines Lebens hier und in Berlin vergebe ich, denn auch hier begegne ich vielen interessanten, offenen, tolerante Menschen. Ich finde mich sehr oft ganz spontan in Gesprächen über den Sinn des Lebens, das Universum, Religion, Liebe, Weltwirtschaft und Takeshis Castle wieder. Da mir diese Frage kürzlich etwas öfter gestellt wurde und auch Politik und Krieg zu den “Gott und die Welt-Theme gehört: Ja, auch hier in Khartoum ist der Ukraine-Russland-Konflikt ein Thema. In den Nachrichten wird darüber berichtet, Menschen tauschen sich darüber in der Mittagspause aus und wir spüren die preislichen Auswirkungen beim Tanken und die Knappheit von Öl und Gas zu dem Level, dass man manchmal tagelang nichts kaufen kann.
Warum kam mir gerade oben Takeshis Castle in den Sinn? Für alle, die nicht die geilste Kindheit mit Takeshis Castle Videos verbracht haben: dabei handelt es sich um eine Serie aus Japan, in der viele Menschen in einem Wettbewerb diverse (ultra witzige) Hürden und Spiele durchlaufen, um am Ende gegen den Endgegner (ich nehme an, das ist dann Takeshi) zu “kämpfen” – mit piu piu Laser-Pointern und Wasserpistolen, wenn ich mich recht erinner. Kürzlich hatte ich also ein Gespräch über unser aller Kindheitserinnerung rundum Takeshi’s Castle hier mit sudanesischen FreundInnen. Und sie haben mir dann Videos gezeigt, von (Zitat): “der deutschen Version von Takeshi’s Castle” in denen Menschen (die durchaus gut den DDR BürgerInnen zugeordnet werden könnten) auch ultra lustige Wettkämpfe gegeneinander gemacht haben, zum Beispiel durch überdimensionale Streichholzschachteln zu krabbeln.
Der kurze Exkurs zeigt, wie sinnvoll oder sinnfrei manche “über Gott und die Welt” Gespräche sein können. Das ist ja gerade das Spannende daran.
In diesem Sinne beende ich diese Folge von Berlin vs. Khartoum mit einem Vorsprung an Gemeinsamkeiten von 5 zu 2 und freue mich, wenn ihr wieder neue Erkenntnisse über diese ferne, unbekannte Stadt, in der ich hier lebe, gewonnen habt.
