Sudan: Revolutionsalltag

Revolutionsalltag. Dieses Wort habe ich heute erfunden, während ich einer Freundin zu Hause erklärt habe, wie mittlerweile mein Alltag hier aussieht. Mein Revolutionsalltag richtet sich nach den Protesten. Durch meine sudanesischen FreundInnen bin ich immer up to date: gibt es einen Khartoum-weiten Protest, bleibe ich den ganzen Tag zu Hause. Gibt es keinen Protest, gehe ich zur Arbeit und treffe abends Freunde. Es ist quasi ein Wechsel zwischen Normalität und Selbst-Isolation. Da das Internet seit vergangenem Donnerstag zurück ist, ist sie Isolation viel besser zu ertragen. Ich kann Nachrichten lesen, weiß besser, was um mich herum passiert und ich kann mit FreundInnen außerhalb des Sudans in Kontakt stehen. Letzteres weiß ich seither noch mehr zu schätzen.

Was ist seit meinem Update am 14. November im Sudan passiert:

– vor einer Woche hat der General Burhan bekannt gegeben, dass er die Präsidentenrolle im Sudan übernimmt, sein Vize soll ein weiterer, bereits allgemein militärisch bekannter, grausamer, zweiter General namens Hemeti sein.

– für den 17. November plant die Zivilgesellschaft daraufhin die nächsten landesweiten Proteste.

– der 17. November wäre eigentlich der Tag gewesen, an dem die Übergangsregierung komplett in zivile Hände übergeben werden sollte (nach der Verfassung der Übergangsregierung von 2019)

– stattdessen passiert das Gegenteil: der Protesttag am Mittwoch ist der blutigste seit Beginn der Proteste in 2021. Das Militär schießt auf friedliche Protestierende, verwendet Tränengas und jagt einzige Menschen mit Autos und Schlagstöcken.

– das mobile Internet kommt am Donnerstag zurück. Seither können viel mehr Videos und Fotos im Sudan geteilt werden. Die Gewalttaten des Militärs werden dadurch nochmal sichtbarer.

– fur die kommende Woche, die heute beginnt, wird ein neuer Protest- und Streikplan bekanntgegeben. Sonntag (heute) und Donnerstag soll es die nächste Reihe an landesweiten Protesten geben. Die Botschaft: keine Regierung mit Burhan!

– Heute, am 21. November, nahezu 1 Monat nach dem Militärputsch, wird ein Deal bekanntgegeben. Der Premierminister Hamdok und Burhan unterzeichnen.

– Hamdok, der jetzt 4 Wochen unter Hausarrest des Militärs stand, soll wieder in sein Amt des Premierministers zurückkehren und ein neues Kabinett vorstellen.

– im Prinzip beinhaltet die Vereinbarung, dass der politische Status Quo wie vor dem Putsch wieder hergestellt werden soll, mit einer geteilen militärisch-zivilgesellschaftlichen Übergangregierung, die der Verfassung von 2019 folgt und das Land auf Wahlen in 2023 vorbereiten soll.

Ist die Entwicklung gut oder schlecht?

Ich bin keine Fachexptertin, aber ich kann aus den Nachrichten und Twitter entnehmen, dass viele SudanesInnen mit dem Deal nicht happy sind. Aber möglicherweise stuft es die internationale Gemeinschaft, die ja auch teilweise in Mediationen involviert war, die Entwicklung als Erfolg ein.

Neutral betrachtet, im Vergleich zwischen a) einem Status Quo wie vor dem Putsch und b) einer fragilen Putsch-Situation, wirkt a) erstmal besser für mich.

Ich kann aber bereits durch das Hupen von Autos draußen und Reaktionen auf Twitter erahnen, dass die sudanische Zivilgesellschaft diesen Deal nicht gut findet und nicht einfach akzeptieren wird. Ich einen der Hauptgründe ungefähr so wiedergeben: “Man kann nicht nach einem gewaltvollen Putsch, mit vielen Toten, mit Militär, dass auf friedliche Protestierende schießt und AktivistInnen der Reihe nach festnimmt, erwarten, dass die Bevölkerung dem Militär vertraut. Die ProtestantInnen fordern ganz klar eine zivile Regierung, keine geteilte Macht.” Schon fast ironisch ist auch, dass heute parallel zu der Bekanntgabe des Deals und des feierlichen Unterschreibens, ProtestantInnen erneut mit Tränengas beschossen wurden und es weitere Tote gab.

Es bleibt also abzuwarten, was die nächsten Wochen passiert. Ich für meinen Teil, habe aufgehört Vermutungen anzustellen. Es ist sehr aufwühlend ständig zwischen Hoffnung und Enttäuschung hin und her zu wehen. Ich kann weder an den Demonstrationen teilnehmen, noch habe ich Einfluss auf Burhan, Hamdok und Co. So konzentriere ich mich so gut es geht auf meinen Job und darauf, für meine FreundInnen hier da zu sein. Ich sehe, dass es viele mehr und mehr mitnimmt, umso länger sich die Situation zieht. Sie können leider nicht einfach jederzeit in einen Flieger steigen und in ein sicheres Land fliegen, wie ich.

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