Tag 20: Meine HeldInnen im Sudan

13. November 2021

Heute ist Tag 20 seit dem Militärputsch, Tag 20 seit das mobile Internet ausgestellt ist, Tag 20 der täglichen Proteste auf den Straßen und Tag 20 der Ungewissheit, wie du Zukunft Sudans aussehen wird.

Diese Woche hatte sich der Alltag wieder eingeschlichen. Die Straßen waren wieder frei, viele Leute gehen wieder zur Arbeit, man trifft sich abends zum Essen oder in einem Café. Das machte Hoffnung. Mein Gefühl war gut. Es hieß, es gibt Verhandlungen und Gespräche zwischen Militär und Zivilgesellschaft, der Kontakt zu dem Premierminister Hamdok ist stetig, UN und Co. machen eine Mediation. Das wirkte irgendwie alles, als ginge es in eine gute Richtung. Bis Donnerstag Abend (11.11.2021).

Vorgestern Abend verkündet der General Burhan, dass er und ein anderer bekannter Militärgeneral Sudan anführen werden. Er verkündet auch einige andere Namen, die Teil der neuen Übergangsregierung sein werden. Alle aus den Militärreihen. Ich lese einen Artikel bei Twitter, dass die nationalen Medien angehalten ist, bestimmte Arten von Nachrichten zu schalten, daraufhin zielend, dass in 2023 Wahlen stattfinden werden, verschweigen, dass es viele Gewaltverbrechen gegenüber den Protestierenden gab, mit Fokus auf die Wichtigkeit im Ostsudan die Situation der Geflüchteten zu unterstützen und ohne die Situation in Darfur zu erwähnen. Propaganda Deluxe.

Doch die SudanesInnen haben Ihre Wege. Die Reaktionen sind eingespielt. So schnell sich die Nachricht dieser Kundgebung verbreiten, so schnell organisieren sich Protestgruppen in den Straßen Khartoums. Doch das war nur die Aufwärmung und die Adhoc-Reaktion. Für heute ist der dritte „Million March“ geplant. Die SudanesInnen im ganzen Land und vermutlich auch in Städten weltweit gehen erneut auf die Straße, um für ein demokratischen und zivilgesellschaftlich geleitetes Sudan zu protestieren.

Ich sitze seit Donnerstag wieder im Lockdown zu Hause und warte. Da unklar ist, wie sich die Situation entwickelt, möchte ich diese Zeilen nutzen, um euch meine HeldInnen dieser Revolution vorzustellen. Es sind vier Menschen, die ich sehr schätze und die auf unterschiedlichste Weise in den Aufbau eines neuen Sudan involviert sind. Ich ändere ihren Namen und ein paar Informationen, da ich sie nicht in Gefahr bringen möchte. Diverse JournalistInnen und politische AktivistInnen sind bereits festgenommen und der sudanesische Geheimdienst nutzt dafür auch die sozialen Medien, deshalb bin ich lieber vorsichtig.

Sara

Wenn ich meine Augen schließe und an eine Person denke, die in der ersten Reihe der Protestierenden steht und einen pro-demokratischen Spruch aus voller Kehle schreit, dann ist es Sara. Sie verpasst keine Demonstration, sie ist furchtlos, sie ist eingeübt. Sie zeigt mir Videos, wie ihr hunderte Menschen entgegenlaufen. Sie laufen weg vor den Autos des Militärs, die begonnen haben, mit Tränengas zu schießen und ihre Waffen scharf gestellt haben. Sara steht, hält drauf und rennt erst als letzte. Es ist eigentlich ein Wunder, dass sie noch nie inhaftiert wurde.

Mohammed

Mohammed leitet ein Sozialunternehmen. Er unterstützt junge Menschen dabei, formale Unternehmen zu gründen, stellt Trainings und Finanzen bereit und vernetzt mit Investoren. Er ist fokussiert, analytisch, ruhig und menschlich. Sein Business ist resilient. 10 Monate vor der 2019er Revolution gründete er es mit anderen Freunden. Seither hat es eine Revolution, eine Corona-Pandemie und nun auch einen Militärpusch hinter sich. Und es wächst und wird stärker. Heute verstehe ich besser warum. Sobald eine Krise anrollt, pausiert Mohammed kurz,er beobachtet und gibt seinen Mitarbeitenden Zeit und Raum mit den Schwierigkeiten umzugehen. Er kommuniziert keinen Druck, keine ToDos, sondern erkundigt sich, wie er seine Mitarbeitenden in den schwierigen Zeiten unterstützen kann. Zur Not würde er vermutlich die ganze Arbeit alleine machen, um die Last von seinen Mitarbeitenden zu nehmen. Gleichzeitig strahlt er Beständigkeit aus. Ich spreche mit ihm, da wir teilweise zusammenarbeiten. Er verrät mir sein Geheimnis: „Ich versuche so zu agieren, als wäre nichts geschehen. Ich möchte, dass sich unsere Kunden und unsere Partner auf uns verlassen können. Sie brauchen uns, also machen wir weiter. Sudan braucht uns. Und ich weiß, dass wir immer einen Weg finden werden, weiter zu operieren, wir müssen nur kreativ sein.“

Aisha

Sie ist eine der Superwomen, die ich im Sudan kenne. Vollzeit-Job, Hauptverdienerin für die Familie, in hundert Initiativen engagiert und nicht totzukriegen. Obwohl sie aktuell nicht mal im Sudan ist, unterstützt sie die Demonstrations-Bewegung. Über SMS oder Internetzugang in Büros senden ihr ihre Freunde Fotos und Videos der Proteste. Sie verteilt diese im Internet, um der Welt zu zeigen, was wirklich im Sudan aktuell passiert. Weiterhin unterstützt sie bei der Koordination der Proteste. Sie koordiniert die Treffpunkte und Routen der diversen Proteste in Khartoum und verteilt die Infos in ihren verschiedenen Netzwerken.

Ahmed

Während ich mit ihm stundenlang über Spiritualität, Meditation und Leben und Tod philosophiere, klingelt sein Telefon 20 Mal, er begrüßt 15 Leute, die ins Café kommen und ich will gar nicht wissen, wie viele Nachrichten eintreffen. Sein Netzwerk ist groß. Neben seinem eigentlichen Job, führt er Mediation zwischen den aktuellen politischen Spielfiguren durch. Er versucht zu vermitteln, möglichst viele Leute an einen Tisch zu bringen und Kompromisse herbeizuführen. Es ist spannend ihm zuzuhören und ich verstehe teilweise nur die Hälfte. Es ist komplex, aber er hat eine Vision. Er möchte Teil davon sein, das neue Sudan aufzubauen. Er zeigt auf die anderen Gäste im Café und sagt: „All diese Leute hier, die kümmern mich nicht, sie können sich morgen ein Flugticket kaufen und sind weg und sicher. Ich setze mich ein für die ganzen einfachen Leute, die nur dieses zu Hause haben und die es verdient haben, in Sicherheit und Freiheit und mit genügend Geld für 3 Mahlzeiten am Tag zu leben.“

Ich hoffe, ihre Anstrengungen tragen Früchte. Ich fühle mich nutzlos in all den Tagen. Einfach nur abwarten.

Foto: Die Fotos für die Sudan-Artikel stammen aus einem Kurzfilm einer sudanesischen Gruppe. Die Filme heißen Milliona und sind von Knight Production. Sehr sehenswert. Hier ist der Link dazu: https://www.youtube.com/watch?v=UwBM8R_i8pY

Teilen: Wie oben beschrieben, muss man im Sudan ein bisschen aufpassen, was man wo verteilt. Deshalb teile ich diese Texte nicht mehr über meinen privaten Facebook-Account. Teilt die Texte also gerne über eure Netzwerke. Es ist wichtig, dass mehr Leute von der Situation im Sudan hören, da durch den Internet-Shutdown viele Menschen nicht teilen können, was sie hier erleben.

Meine WLAN-Treppe: Ihr fragt euch vielleicht, wie kann ich Texte hochladen, wenn doch Internet-Shutdown ist. Zunächst kann ich ab und zu ins Büro, da hab ich Internet. Aber ich habe noch einen weiteren Ort dazu gewonnen, meine Internet-Treppe. Unten im Haus, in dem ich wohne, ist ein Büro. Meine Nachbarn waren so lieb mir das Passwort dafür zu geben. So kann ich also zwischen dem 1. und 2. Stock auf der Treppe im Treppenhaus sitzen (da ist er Empfang am besten) und wie gerade auch Emails, Whatsapp-Nachrichten versenden und Nachrichten lesen. Manchmal laufe ich auch einfach nur einmal die Treppen runter und wieder hoch, um Nachrichten zu versenden 😀 Nach knapp 3 Wochen ohne normales Internet, wird man kreativ…

Leave a comment