05. November 2021
Auch wenn die internationalen Medien weniger berichten, Sudan ist weiterhin im Schwebezustand, das Internet ist weiterhin seit Montag, dem 25.10. weitestgehend ausgeschaltet, es finden weiterhin tägliche Proteste gegen den Militärputsch statt und es existiert weiterhin im ganzen Land Unsicherheit, was die Zukunft Sudans und der Menschen angeht.
Auch für mich ist es weiterhin nervenaufreibend. Deswegen möchte ich ein drittes Update zur Situation hier in Khartoum schreiben.
Ich konnte diese Woche bereits dreimal ins Büro fahren. Da ich nicht einschätzen kann, wie sicher oder unsicher es auf den Straßen ist, habe ich mich immer mit dem Auto von Freunden abholen und hinfahren lassen. Als ich auf der Fahrt aus dem Fenster schaute, dann schien es recht ruhig und normal. Man sieht überall die Straßenblockaden, die zur Hälfte zur Seite oder abgebaut wurden, damit der Alltag funktionieren kann. Meist abends oder an den Protesttagen werden die Blockaden schnell wieder aufgebaut, um das Militär an der ungehinderten Durchfahrt zu blockieren. Ich beobachte weiter die Straßen Khartoums. Es sitzen Leute beim Tee und Kaffee und sprechen miteinander. Es sind nicht so viele Autos wie sonst, aber schon recht viele Fahrzeuge unterwegs. 50% der Geschäfte scheinen offen zu sein. Meine Freunde erklären mir, dass jetzt zum Ende des Monats die großen Banken 1 Tag offen haben, damit sich die Leute ihr Gehalt auszahlen lassen können. Deshalb haben auch viele Geschäfte aufgemacht, damit die Menschen ihre Lager wieder fühlen können, vor allem natürlich mit Nahrungsmitteln und Wasser. Und das Ganze wird in Vorbereitung auf nächste Woche organisiert, denn da soll es wieder eine große Demonstration und eine ganze Woche “zivilen Ungehorsam” geben. Das bedeutet: ein Generalstreik, niemand arbeitet, alles ist zu, als klares Zeichen dafür, dass die SudanesInnen nicht einfach alles mit sich machen lassen. Ein Freund fasst für mich ein ExpertInnengespräch über den Sudan zusammen und zitiert eine Journalistin, die sagt, wie beeindruckend es ist zu sehen, wie die Bevölkerung ohne Internetzugang und teilweise ohne Telefonnetz 4 Millionen Menschen auf die Straße bringen und ein Land mit zivilem Ungehorsam lahmlegen kann. Auch mich beeindruckt das, aber dazu in meinem nächsten Text mehr.
Die Tage im Büro waren überfordernd. Die Vorbereitung für diese Internet-Ausflüge ähnelt meiner Beschreibung aus meinem zweiten Text. Im Büro kommt noch hinzu, dass ich dort KollegInnen treffen und mich austausche. Ich verspüre natürlich auch den Druck zu arbeiten, obwohl klar die Ansage ist, dass niemand arbeiten muss. Wir dürfen ins Büro, um uns abzulenken, um Internet zu nutzen, um Kontakt zu Freunden und Familie aufzunehmen, Nachrichten zu lesen und auch zum Arbeiten, aber nur wenn wir uns mental in der Lage fühlen. Ich fühle mich mental in der Lage zu Arbeiten, allerdings kann ich mich zu Hause besser konzentrieren. So lade ich diverse Arbeitsdokumente auf meinen privaten Laptop und öffne einige Taps, die ich zur Recherche benötige, spreche mit meinem Chef die wichtigsten Dinge ab und verbringe den Rest der Zeit im Büro eher mit Nicht-Arbeitssachen. Als einige Freunde sehen, dass ich online sind, versuchen sie mich anzurufen. Und ich weiß kaum, was ich sagen soll. Es ist extrem schwierig in ein paar Sätzen zusammenzufassen, wie sich die Situation hier im Sudan gerade für mich anfühlt und wie es mir geht. Mit meinem Empfinden, was ich hier beschreibe, kann ich mir nur annähernd vorstellen, welches Chaos vermutlich aktuell in den Köpfen vieler SudanesInnen vorgeht. Es ist kompliziert, wäre unser aller Beziehungs-Status aktuell.
Apropo aktuell, wie ist die aktuelles Lage im Sudan:
– zusätzlich zu den PolitikerInnen, die schon seit dem ersten Tag des Putsches festgenommen wurden, wurden im Laufe der Zeit vor allem politische AktivistInnen, ProtestantInnen und JuristInnen festgenommen
– am 29. Oktober wird eine Erklärung veröffentlicht, die sich gezielt an Burhan richtet. Die Verfasser sind vor allem sudanesische JuristInnen: sie erinnern Burhan an die vorläufige Verfassung, die er zum Start der Übergangsregierung unterschrieben hat. Sie fordern, dass die Gefangenen von ihrem Recht auf juristische Unterstützung Gebrauch machen können. Einen Artikel mit einer guten Zusammenfassung und Zitaten aus der Erklärung gibt es hier.
– UN vermittelt: der deutsche Volker Perthes von einer UN-Organisation führt Vermittlungsgespräche auf Regierungsebene im Sudan durch. Auch ein Vertreter der US-Botschaft und Annette Weber der EU unterstützen. Der zivile Premierminister Hamdok und der General Burhan, der den Putsch angeführt hat, sind beide an den Gesprächen vertreten. Ein interessantes Internet mit Annette Weber gibt es hier.
⁃ Hamdok gibt bekannt, dass er weiterhin bereit ist, das Land als Premierminister zu leiten
– bis Ende der Woche soll die neue Regierung vorgestellt werden
– die Reaktion auf Proteste ist weiterhin gewaltvoll, mit Tränengas, teilweise mit Schüssen und Festnahmen
– mobiles Internet ist weiterhin abgeschalten
– am 04. November werden 4 Minister freigelassen, viele andere bleiben noch unter Verschluss
– es wird ein Statement von Burhan’s Pressesprecher veröffentlicht: “Die zwei Parteien haben sich geeinigt, dass es nötig ist, den Weg des demokratischen Übergangs weiterzugehen, die Strukturen der Übergangsregierung zu vervollständigen und die Bildung einer Regierung schneller voranzutreiben.” (Aljazeera hier)
– heute, am 05. November, gibt es ein Statement vom sudanesischen Botschafter der USA, dass der Putsch offiziell vorbei ist, eine neue Übergangsregierung soll bald vorgestellt werden (Aljazeera hier)
Diese Tage komme ich auch noch mit mehr SudanesInnen ins Gespräche und kann einige verschiedene Perspektiven aufnehmen, die ich teilen möchte:
1. Die Anti-Militär-Bewegungen: Obwohl es erstmal hoffnungsvoll klingt, dass die Verhandlungen zwischen Militär und Zivilgesellschaft geführt werden, reicht das vielen SudanesInnen nicht. Es gibt einen Arm der Protestbewegungen, der klar und deutlich macht, dass das Militär als Teil der Regierung auszuschließen sei. Sie lehnen die Lösung ab, die aktuell durch die Vermittlung mit UN besprochen wird. Warum? Weil das Vertrauen gebrochen ist. Freunde geben ungefähr folgendes wieder: “Ein Militär, dass uns die Stimme verbietet, dass auf die ProtestantInnen schießt, dass das Internet und Netz abstellt, dass AktivistInnen und Minister festnimmt und zu Gewalt bereit ist, soll keinen Platz in unserer Regierung haben.” und “Ein Militär, dass selbst keine Demokratie in ihrem eigenen System kennt, kann nicht zu einer demokratischen Lösung beitragen.”
2. Die Passiven: Es gibt auch viele Menschen, die weiterhin unentschlossen sind, die ihre Stimme nicht laut erheben, sondern einfach abwarten. Sie wollen einfach nur Frieden, Stabilität und am Wichtigsten: etwas zu Essen auf dem Teller. Ihnen ist nahezu egal, mit welchen Personen an der Macht. Hauptsache es ist genügend Geld da, um die Familie zu ernähren. Für mich ist es verständlich, dass die Befriedigung der Grundbedürfnisse an erster Stelle stehen. Zudem kommt die Müdigkeit von der 2019er Revolution dazu. Das Leben ist nicht leicht, seit eh und je. Daher haben es einige Menschen nahezu aufgegeben zu kämpfen.
3. Die Befürworter einer gemischten Übergangsregierung: Eine dritte Gruppe befürwortet die Übergangsregierung, die sich aus diversen Parteien zusammensetzt. Sie sind auch mit der Beteiligung des Militärs einverstanden. Sie sagen, dass es es besser ist, den Feind mit einzubinden, als ihn auszuschließen und im Untergrund seine Fäden ziehen zu lassen.
4. Die Hoffnungslosen: es gibt viele SudanesInnen, die das Vertrauen in die Regierung komplett verloren haben. Sie planen ihren Weg raus aus dem Sudan. Sie wollen woanders studieren, sich für Jobs außerhalb des Sudans bewerben oder Ähnliches. Für sie ist das Leben im Sudan wie eine tickende Zeitbombe. Ihre Hoffnung auf eine mittelfristige Verbesserung der Lebensumstände ist klein, egal wie sich die Situation jetzt entwickelt. Sie schreiben Bewerbungen, lernen Sprachen, schauen nach Jobs außerhalb. Die, mit denen ich im Kontakt bin, ist die wohlhabende Mittelschicht, die den Bildungsstand und die finanziellen Mittel dafür ein. Die Mehrheit der SudanesInnen kann sich diese Gedanken überhaupt nicht leisten.
Es gibt noch ein weiteres Gespräch, was mit im Kopf hängen bleibt. Im Büro unterhalte ich mich mit einer jungen Frau, die vor 1-2 Jahren ein Unternehmen gegründet hat. Sie hat ein kleines Team, es scheinen so um die 5 Personen zu sein. Das Unternehmen trocknet Lebensmittel, vor allem Bananen und Mangos, um sie länger haltbar zu machen. Wir sprechen über ihren und den mentalen Zustand ihrer Mitarbeitenden. Das Unternehmen ist aktuell im Stillstand, daran ist auch das fehlende Internet schuld. Alle Team-Mitglieder sind zu Hause, können sich nicht ohne Probleme in Khartoum von A nach B bewegen, der Kontakt kann nur mühsam hergestellt werden. Allerdings ist am akutesten die mentale Gesundheit. Durch dieses Gespräch erfahre ich, wie viele SudanesInnen in einer Schockstarre sind, quasi in einem Trauma. Durch die Hoffnung, die gerade geraubt wurde, aber auch durch die drohende Gewalt des Militärs, durch Tränengas bei den Protesten, durch den Tod von Freunden und Verwandten, durch Festnahmen oder sogar Schläge mit Schlagstöcken. Wenn sie es nicht aktuell erfahren haben, dann im Laufe der Revolution 2018/2019. Dort hielten die SudanesInnen 5 Monate dauerhaft durch und hielten Demonstrationen ab, bevor das Regime gestürzt wurde. 5 Monate voll Gewalt, Angst und Trauma. Das wird heute zum Teil wieder hervorgeholt und es beeinflusst natürlich auch junge motivierte Menschen, die eigentlich dachten, sie hätte es hinter sich, die all ihre Kraft zusammengenommen haben, ein Business aufzubauen und voll durchstarten wollten. Diesen Menschen sitze ich gegenüber. Ich frage viel nach, ich teile meine Gedanken und höre zu. Es ist schwer auszuhalten, da man eigentlich kaum etwas machen kann. Ich tausche mit einer der GesprächspartnerInnen Nummern aus und möchte mich mit ihre verabreden. ich überlege, ob man nicht Trauma-Services, Gesprächskreise oder Vermittlung zu PsychotherapeutInnen (die es im Sudan natürlich wie überall viel zu wenig gibt) aufbauen kann. Ich vertage die Gedanken und fahre vom Büro nach Hause.
