Militärputsch im Sudan Teil 2

31. October 2021

Donnerstag und Freitag schienen komisch normal. Ich sah mehr Autos und Rickshaws draußen fahren, gegenüber von meiner Wohnung hatte sogar die “Tealady” ihren Stand wieder aufgebaut und Leute trafen sich dort. Ich telefonierte mit vielen Freunden und alle berichteten, dass alle die Tage nutzen, um sich auf Samstag vorzubereiten, Lebensmittel und Wasser zu besorgen und Freunde und Verwandte zu sehen. Das Militär hatte sich komplett zurückgezogen, die meisten Blockaden waren zur Hälfte freigeräumt, sodass Autos fahren konnten. So war es frei und sicher auf den Straßen.

Ich hatte das Gefühl es ist die Ruhe vor dem Sturm. Alle Gewerkschaften, AktivistInnenkreise und Vereine riefen zu einem erneuten landesweiten Streik auf, eine Millionen Menschen werden erwartet, in Khartoum, in Omdurman, aber auch in El Fashir, Atbara, Medani und anderen Städten. Das Militär war vielleicht jetzt nicht auf den Straßen zu sehen, aber es war klar, dass auch sie sich auf Samstag vorbereiten werden. Irgendein öffentliches Statement oder ein anderer Mucks von der Regierung gab es nicht. Sogar mein Lieblingssender France24 hatte nichts Neues zu berichten. Die Welt drehte sich woanders weiter.

Ich sah an diesen Tagen einige meiner Freunde. Sie besuchten mich, wir tauschten uns aus, das tat extrem gut! Ich hatte sogar mal wieder 1h Internet am Donnerstag! Diese Stunde sollte gut vorbereitet sein. So bereitete ich einige E-Mails vor, die im Postausgang geduldig darauf warteten abgeschickt zu werden. Ich sprach einige Sprachnachrichten vor und öffnete auf meinem Laptop mehrere Seiten, die nur noch geladen werden mussten. Sobald Internet da war, fühlte ich mich wie in der Führerschein- oder Abiprüfung. Außer, dass man nicht genau weiß, wann die Prüfung vorbei ist, könnte nach 10…30 oder 60 Minuten sein. 60 waren es. Ein Freund rief mich in der Zeit an und legte mit den Worten auf “Genieß die Zeit mit deinem Internet” haha. Das tat ich und hackte nach und nach alle ToDos ab, die mir wichtig erschienen:

– meine Daten in der Notfallliste ELEPHANT des Auswärtigen Amtes aktualisieren (das ist eine Liste für im Ausland lebende Deutsche, damit Sicherheitshinweise verteilt werden können und man im Fall von Evakuierung mit auf dem Radar bleibt)

– Telefonnummer und E-Mail der Deutschen Botschaft in Khartoum heraussuchen

– Emails laden und alle Mails im Postausgang versenden

– Whatsapp, Telegram, Signal und Messenger öffnen, damit alle Nachrichten ein- und ausgehen können

– einige Seiten laden, die ich zur Recherche meiner nächsten Artikel für das Lonam Magazin benötige

– ungefähr 50 Taps öffnen, mit Nachrichten zur Situation im Sudan, damit mein einseitiger France24 Mal etwas mehr Perspektiven erhält

– meinen Blogartikel hier laden und diesen sowie weitere Links und Videos, die die Situation hier im Sudan gut beschreiben, über Twitter, Instagram und Facebook verteilen

– und dann auch mal kurz sinnlos ein paar Minuten durch Facebook und Instagram und Whatsapp scrollen, überwältigt von zu vielen Nachrichten und Informationen, die man sonst so täglich in sich aufnimmt

Es fällt mir schwer, nicht direkt ein paar Freunde zu Hause anzurufen oder ewig lang mit Leuten hin und her zu schreiben, die gerade online sind. Ich erinnere mich an den einen Tag vor ein paar Wochen, als Facebook, Whatsapp und Instagram nicht funktionierten. Ich lache darüber. Da dachte ich schon, das wäre scheisse lang gewesen. Mittlerweile sind 5 Tage vergangen.. ein sudanesischer Freund erzählt mir am Telefon, wie er gerade seine Nachbarschaft um ihn herum wiederentdeckt, so ganz offline.

Auch ich versuche, das Zeit zu Hause so gut es geht zu nutzen. Eine Freundin sagt: versuch es als Retreet zu sehen, eine Zeit, in der du gute Dinge für dich tun kannst und Energie tanken. Einige Tage kriege ich das ziemlich gut hin, ich schaffe sogar das allererste Mal in meinem Leben zu meditieren. Aber andere Tage sind schwerer. Vor allem, wenn der menschliche Kontakt wegfällt. Ich lese in einem Buch “Nudelsuppe für die Seele” über Liebe, Mut und die Kraft von Umarmungen. Wie könnt ich jetzt eine Umarmung gebrauchen.

Samstag, 30. Oktober

Es ist geisterhaft ruhig draußen, als ich aufstehe. Nun ist das Netz auch wieder ausgestellt, man kann also innerhalb des Sudans nicht anrufen oder Sms senden. 1Uhr soll die Demo beginnen. Ich bin angespannt und hoffe jede halbe Stunde auf Neuigkeiten im Fernsehen. Aber es ist recht mau. Das kann ich erfahren:

– ab 1 Uhr versammeln sich DemonstrantInnen an den gewohnten Treffpunkten und Protestorten: vor dem Hauptquartier des Militärs, Afrika Straße, in Nord Khartoum, in Bahri.

Die Brücken zwischen Khartoum, Bahri und Omdurman sind durch das Militär versperrt. Das soll wohl dazu dienen, nicht zu viele Leute nach Khartoum zu den Haupt-Demonstrationen zu lassen.

– Die Militärpräsenz ist extrem hoch. Zu Ende des Tages gibt es erneut 4 tote Menschen. Ein Protestant sagt bei France24 aus, dass nach Einbruch der Dunkelheit die militärischen Einheiten gewaltvoller werden.

– Da das Telefonnetz und Internet ausgestellt sind, können die Menschen im Sudan selbst keine Fotos und Videos teilen.

– es gibt kein Statement oder Pressekonferenz von dem General Burhan oder anderen offiziellen Sprechern

Mitternacht wird das Netz wieder angestellt, ich kann mit zwei Freunden telefonieren. Sie und heute mein Chef geben mir weitere Informationen zur Situation im Sudan:

– die Afrika Straße in Khartoum und auch die größte Straße in Omdurman waren komplett von vorne bis hinten voll mit DemonstrantInnen. (Die Afrika Straße kenne ich, als Berlin-Vergleich wäre das von der Siegessäule bis zum Alexanderplatz)

Die Aussagen über die Teilnehmenden ist unterschiedlich. Weltweit gesehen wurde in 24 Städten portestiert, davon mindestens 5 im Sudan. Die Zahlen variieren von hundert tausenden bis zu mehreren Millionen.

– die Aussagen der Protestierenden auf Plakaten und in den Gesängen sind einheitlich: “Wir wollen keine militärische Regierung, wir wollen eine zivilgesellschaftliche Regierung!”

– in den nächsten Tagen wird an der sogenannten “civil disobedience” festgehalten. Das bedeutet, Banken, Krankenhäuser, Tankstellen und weitere Orte sind für das Militär geschlossen. Die Straßen werden auch weiterhin für das Militär blockiert.

– es soll eine Mediation zwischen dem zivilen Premierminister Hamdok, dem Militär und einer UN-Organisation geben.

Es ist extrem unterschiedlich, wie die SudanesInnen mit der aktuellen Situation umgehen. Es gibt Freunde, die haben sich innerlich schon damit abgefunden, dass es eine Militärregierung geben wird und Sudan zum Status Quo vor der Revolution zurückkehrt. Das heißt unter anderem keine Meinungsfreiheit, keine Demonstrationsfreiheit, keine Kleidungsfreiheit, keine Kunst-, Musik- und Kulturveranstaltungen, stärkere Einschränkungen für Frauen. Es gibt Freunde, die überlegen sich Szenarien für den Worst Case des Militärregimes. Das wäre dann konkret, den Sudan zu verlassen oder in welcher Form sie weiterhin Einkommen innerhalb der Militärregierung generieren können. Und es gibt Freunde, die verspüren Hoffnung, dass Burhan genauso wie Al Bashir damals einknicken wird und die Zivilgesellschaft gewinnt.

Für mich verblast ein bisschen die Hoffnung. Nachdem ich einige Berichte gelesen habe und es klar ist, dass das sudanesische Militär mit Ägypten, Saudi Arabien und Co. in guter Kommunikation steht und auch gestern nach den Massenprotesten kein Statement kam, weiß ich nicht so recht was der Druckpunkt sein könnte. Die Drohnungen von Weltbank und Afrikanischer Union und Statements von EU und Co. haben vermutlich gar nicht so viel Gewicht, schließlich haben die meisten militärischen Schwergewichte und ihr Gefolge in den 30 Jahren Diktatur auch ganz komfortabel gelebt und ihren Reichtum angehäuft.

Naja, es wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Bis dahin verbringe ich weiterhin zu Hause, mit den Nachbarskindern und verfolge die Nachrichten.

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