27. Oktober 2021
Ich wachte 7.30 auf und wunderte mich, dass ich kein Netz hatte. Das kam schon manchmal vor, deshalb drehte ich mich nochmal um. Mein Wecker war auf 8 Uhr gestellt. Ich stand auf und hatte ein komisches Gefühl. Ich schaute hinaus und die Straßen waren extrem leer. Zudem sah ich in dem Whatsapp-Chat meiner Arbeit ein paar Nachrichten auf Arabisch, die ich bis heute nicht entziffert habe, die gegen 4.30 eintrafen. Das ist komisch, dachte ich. Das Netz war immer noch weg. Ich entschied mich, den Fernseher zum Laufen zu bringen und zappte 10 Minuten lang, ehe ich den einzigen Englisch-sprachigen der 400 Sender fand. Hiermit möchte ich France24 English meinen tiefen Dank aussprechen. Wenn man über 24 Stunden alleine in der Wohnung ist und die einzigen Informationen über einen solchen Sender erhalten kann, kann da schon eine kleine Liebe entstehen. So erfuhr ich also von dem Militärputsch.
Meine Emotionen waren wirr. Ich war hauptsächlich traurig für alle SudanesInnen. So lange haben sie ausgeharrt, so viele Monate für die Revolution demonstriert, so geduldig unter schwierigen Bedingungen gelebt, sich so stark engagiert in der neuen Regierungsbildung und dann sowas. Und ich war unsicher, wie ich reagieren soll. Ich entschied zu warten.
So sahen meine folgenden 24 Stunden ungefähr so aus: Aller 30 Minuten schaute ich das Nachrichten-Update von France 24, vorbei nur circa aller 1,5 Stunden eine neue Information dazukam. Zwischendurch schrieb ich meine Arabisch-Vokabeln von einem Heft in das andere. Weiterhin hatte ich vor mir auf dem Tisch eine IT-Station aufgebaut. Dort lagen: meine deutsche Sim-Karte und 2 sudanesische Sim-Karten, die Sim-Karte meines Wifi-Routers, mein Handy, ein altes Handy von meinem Papa, was ich für Notfälle mitgenommen hatte, mein Wifi-Router, einige Ladekabel und diese kleine super nützliche Metall-Dingens, womit man beim I-Phone die Sim-Karte aus dem Handy kriegt. Auf meinem Handy hatte ich zudem mehr als 10 SMS vorbereitet, an Eltern, Freunde und Co. Wenn ich also keine Vokabeln schrieb, etwas aß, schlief oder auf Toilette ging, tauschte ich minütlich alle möglichen Sim-Karten mit allen möglichen Geräten und drückte abwechseln auf die Anruftaste, um Leute im Sudan zu erreichen und auf die “Erneut Senden”-Taste, um eine SMS an die Außenwelt zu befördern. Für lange Zeit sollte sich das rote Lämpchen nicht in das Grüne verwandeln oder das “No Service” in “MTN”. Gegen 5 Uhr abends, nachdem ich bereits aller 8 verschiedenen ModeratorInnen und den Auslandskorrespondenten im Sudan von France24 kennengelernt hatte, gab es 30 Minuten lang Netz. Ich konnte 2 SMS absenden und 4 Telefonate innerhalb des Sudan führen! Es war niederschmetternd, da zwei sudanesische Freundinnen, die eben von den Protesten zurückkamen, unheimlich traurig und niedergeschmettert klangen. Auch die anderen beiden klangen verzweifelt.
Ok, was war bisher passiert (25.10.2021):
– gegen 5 Uhr morgens soll das (pro-Al Bashir) Militär den aktuellen Premierminister Hamdok und einige andere Minister festgenommen haben
– seit 6 Uhr ist das Internet und alle mobilen Netzwerke ausgestellt
– das Oberhaupt des Militärs General Burhan gibt eine Pressekonferenz: er ruft im Sudan den Notstand aus, erklärt, dass er alle internationalen Abkommen, die bisher geschlossen wurden, unterstützt und dass es weiterhin Wahlen in 2023 geben soll
– So reagieren die SudanesInnen: es gibt nur zwei Optionen, entweder zu Hause in Sicherheit bleiben oder auf die Straße
– auf die Straße bedeutet, dass viele SudanesInnen in der ganzen Stadt (Khartoum und Omdurman) protestieren. Sie sprechen sich gegen die militärische Aktion aus, für Demokratie, für Frieden, für die zivile Übergangsregierung unter Hamdok.
– die brennenden Reifen, Rohre und Steine, die in den Videos in den Medien zu sehen sind, sind Blockaden, die die Demonstrierenden so schnell wie möglich aufgebaut haben, damit sich das Militär nicht in der ganzen Stadt verteilen kann
– seit circa 15Uhr nutzt France 24 English ganz klar das Wort “Putsch”
– sowohl das Oberhaupt des Militärs General Burhan als auch die sudanesische Zivilgesellschaft sprechen sich gegen den Begriff “Staatsputsch” aus
– es folgen Statements aus den USA, der EU, der UN, der arabischen Liga und einzelnen Ländern; die meisten sprechen sich für die Freilassung des Premierminister und der anderen Minister aus; die USA droht damit die Unterstützungsgelder für Sudan auf Eis zu legen; die Arabische Liga stimmt zu, dass die Übergangsregierung, wie sie aktuell ist, zu keinem Ergebnis führen wird und dass es eine Veränderung geben muss
– es gibt eine zweite Pressekonferenz mit General Burhan: er sagt, dass der Premierminister in Sicherheit bei ihm zu Hause ist, er sagt weiter, dass es zu viele Spannungen in der Übergangsregierung gab und diese Aktion nötig sei, um Sudan voranzubringen
– die Proteste halten an, das Militär reagiert teilweise gewaltvoll. Am Abend wird berichtet, dass es 5 tote und 140 verletzte Menschen gibt
– besonders prekär ist es vor dem Militär-Hauptsitz, meine sudanesischen Freunde berichten, dass dort besonders viel mit Tränengas und Gewalt gegen die Protestierenden vorgegangen wird. Zu Beginn gab es nur Schüsse in die Luft, allerdings wurde später berichtet, dass auch DemonstrantInnen von Schüssen getroffen wurden
– bis in die Nacht hinein sind die ProtestantInnen aktiv, blockieren Straßen und demonstrieren auf den Straßen
Nachdem ich nun etwas mehr wusste, alle, die ich kannte, zurück zu Hause von den Demos waren und ich mindestens einer Person zu Hause Bescheid sagen konnte, dass es mir gut geht, musste ich mich etwas ablenken. Ich machte eine Stunde Sport, schaute den größten Teil von irgendeinem MARVEL Film auf Englisch mit arabischen Untertiteln, aß einen Salat und brach die letzte Wasserflasche an, die ich noch hatte. Noch einmal Nachrichten schauen und dann ging es ins Bett.
Tag 2
ich versuchte so lange wie möglich zu schlafen, der zweite Tag könnte für mich erneut so einsam und lang werden, also wollte ich ein paar Stunden gewinnen. Netz war immer noch weg und die Neugier gewann: also setzte ich mich wieder vor den Fernseher. Nicht viel Neues. Gottseidank gibt es unten neben meinem Haus direkt einen Kiosk, ich kaufe ein Six-Pack Wasser.
Ich entschied mich nicht erneut 24h vor dem Fernseher zu sitzen und verbrachte deshalb einige Stunden mit den 2 Nachbarskindern. Über den Tag verteilt kommt das Netz wieder und auch teilweise das Internet. Mit Internet habe ich endlich die Möglichkeit, meine Eltern anzurufen und meine FreundInnen zu Hause zu beruhigen, dass es mir gut geht. Das Netz ermöglicht es mir, mich noch etwas mehr mit KollegInnen und FreundInnen hier vor Ort auszutauschen, was genau im Sudan passiert. Mein Chef schickt einen Kollegen vorbei, um nach mir zu sehen. Er ist die erste erwachsene Person, die ich seit dem Putsch sehe und es ist schön, sich auszutauschen. Er überweist mir etwas Telefon-Guthaben und bietet mir seine Hilfe an, wann immer ich etwas brauche.
Nachdem ich mit einigen sudanesischen Freundinnen telefoniert habe und mir natürlich nochmal ein paar Stunden France 24 gegeben habe, bin ich hoffnungsvoller. Warum?
Das ist gestern passiert (26.10.2021):
– General Burhan gibt eine weitere Pressekonferenz: er sagt, er musste handeln, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, die Spannungen in der Übergangsregierung waren zu groß, er will bis Ende der Woche einige Ämter neu besetzen und einen neuen Premierminister ernennen
– Premierminister Hamdok war bei Burhan zu Hause, sicher und gesund und ist mittlerweile wieder zu Hause; Burhan sagt aus, der “Hausarrest” war essential für Hamdok’sSicherheit
– andere Politiker sind allerdings weiterhin festgenommen
– die Demonstrationen und Straßenblockaden der Zivilgesellschaft halten weiterhin an, auch nach Einbruch der Dunkelheit und trotz der gewaltvollen Reaktion des Militärs einen Tag zuvor
– der Pressesprecher von France24 und meine sudanesischen Freunde sagen das gleiche: die Präsenz des Militärs in Khartoum generell und gegenüber den ProtestantInnen ist heute deutlich geringer, Gewalt wird kaum ausgeübt
Ich frage einigen FreundInnen konkret, wie es kommt, dass seit Dienstag die Hoffnung vieler SudanesInnen enorm gestiegen ist, gegenüber Montag. So kann ich ihre Erläuterungen wiedergeben und zusammenfassen:
“Die Menschen haben Hoffnung, weil es klar ist und sie auf den Videos oder selbst auf den Demonstrationen sehen, dass wir in der Mehrzahl sind. Die internationale Gemeinschaft, die zivile Übergangsregierung und die Zivilgesellschaft wollen das Gleiche. Der Gegner ist klein und schwach. In den Pressekonferenzen von Burhan heute sah er kaputt und schwach aus. Er zieht seine Stränge von gestern zurück. Es ist weniger Militärpräsenz auf den Straßen. Es läuft nahezu genauso ab wie im Juni 2019, da kamen sie damit auch nicht durch. Deshalb sind wir zuversichtlich, dass wir es auch dieses mal mit Durchhaltevermögen und unserer Präsenz auf den Straßen schaffen werden und zurück mit der Übergangsregierung auf den Weg zu einer offenen und friedlichen Demokratie gelangen.”
Viele meiner Freunde prophezeien, dass es vermutlich noch eine Woche dauern wird und dann wieder alles in Ordnung sein wird. Die Zivilgesellschaft will weiterhin auf die Straßen gehen, es dem Militär möglichst schwer machen, in Khartoum zu agieren und seine Stärke und seine Wünsche in der Öffentlichkeit deutlich machen.
Der gestrige Tag vergeht für mich schneller als Montag. Ich verstehe etwas mehr was passiert, die Hoffnung meiner Freunde hat sich auf mich übertragen und ich bin wieder etwas aufgeladen von persönlichem (Whatsapp oder Telefon) Kontakt mit FreundInnen hier und zu Hause.
Ich habe Montag für mich selbst noch Scherze gemacht, dass die Situation vielleicht zumindest den Vorteil hat, dass niemand am Strom-Schaltzentrum sitzt und die Knöpfe für die Stromausfälle drückt. Zu früh gefreut, ein Stromausfall hält gestern abend für 1,5 h an und so saß ich das erste mal seit 36 Stunden ohne laufendem Nachrichtensender zu Hause, schwitze und begann mit diesem Text.
Tag 3
Die Nachbarskinder klingeln mich aus dem Bett. Es ist 10 Uhr. Ich war erst 3 Uhr im Bett, da ich gestern noch einen kleinen Krieg mit eine Ameisenkolonnie hatte. Ich schalte die Nachrichten an, aber so früh am Morgen gibt es noch nichts Neues. Erst 16 Uhr beschäftige ich mich wieder mit der politischen Situation im Sudan, den Kindern sei Dank. Es tut gut mal ein paar Stunden abzuschalten.
Internet ist seit 24h wieder ausgestellt. Allerdings funktioniert das Netz, das heißt ich kann mit Leuten hier im Sudan telefonieren und mir ein Bild von der Situation machen.
Was gab es heute Neues in Khartoum (27.10.)
– die Weltbank nimmt die finanziellen Versprechen auf Grund des Putsches zurück, die sie vor zwei Wochen versprochen hat
– es gab einen ersten Austausch mit dem Premierminister Hamdok, der gestern nach Hause gelassen wurde, Inhalte sind nicht bekannt
– die SudanesInnen organisieren einen Generalstreik, mehr und mehr Gewerkschaften, Vereine und Gruppen machen mit. Das Ziel ist, dem Militär zu zeigen, wer stärker ist und ihnen den Zugang zu Geld, Lebensmitteln, Benzin und Medizin zu verwähren. Die Öl Arbeiter und die Krankenhäuser haben gestern und heute ihre Teilnahme auch zugesagt.
– Die Afrikanische Union kündigt die Mitgliedschaft mit Sudan auf
– Internet ist heute den kompletten Tag geblockt, die meisten Handynetze funktionieren allerdings
Die größte Bank in Khartoum hat seinen online Bezahlservice per App offline zur Verfügung gestellt. So können die Nutzer der App Elektrizität, Handyguthaben und Lebensmittel kaufen.
– Weiterhin ist für das Wochenende eine Großdemonstration geplant, ähnlich wie die am 21.10., um sich öffentlich und in voller Stärke für den zivilen politischen Prozess und gegen den militarischen Weg auszusprechen. Es werden über eine Millionen Menschen erwartet.
Worum geht es den ProtestantInnen genau?
So wie ich es aus Interviews, Nachrichten und den Beschreibungen meiner Freunde verstehe, wollen die SudanesInnen, dass die Übergangsregierung komplett in zivile Hände kommt und das Militär außer der Wahrung von Sicherheit keinen Posten dort innehat. Das bedeutet auch, dass sie wollen, dass Burhan zurücktritt und Hamdok wieder zu seinem Posten zurückkehrt.
Burhan sagt, er wollte mit seinem Handeln einen Bürgerkrieg verhindern. Woher kommt diese Aussage?
Zum einen gibt es in ganz Sudan Verärgerung über die langsamen positiven Veränderungen seit der Revolution für die Bevölkerung. Die Inflation lag im August bei über 400%, die Preise steigen, es gibt tägliche Stromausfälle und wenig Jobs. Zum anderen fühlen sich nicht alle gleichermaßen in der Übergangsregierung vertreten. Vor allem junge Menschen sowie Leute aus den anderen “Bundesländern” sind hierbei laut geworden. Einige Bundesländer Sudans haben deshalb bereits angedeutet, ihren eigenen Weg zu gehen und sich wie Südsudan vom Sudan abzukoppeln. Auch der Protest vor einigen Wochen, der den Hauptweg für Waren zwischen Port Sudan und Khartoum blockierte, ist ein Zeichen für Unzufriedenheit und Instabilität. Das könnten einige Gründe für eine solche Aussage sein.
Ich habe mittlerweile ein paar mehr Informationskanäle. Heute habe ich herausgefunden, wie ich eine neue Sendersuche bei meinem Fernseher durchführe und habe 4 zusätzliche englisch-sprachige Sender hinzugewonnen. Nachrichten-mäßig ist BBC der größte Neugewinn. Da ich genug Zeit hier in meinem persönlichen Lockdown habe, habe ich mir die komplette 1000 Sender Recherche gegeben und geschaut, was es TV-mäßig so zu bieten hat. Heute abend hoffe ich auf einen coolen Blockbuster.
