September 2021
Ich wollte unbedingt Lucy sehen. Und musste dann feststellen, dass Lucy gar nicht die prominenteste Person im Museum war.
Als klar war, dass ich mindestens eine Woche in Addis Abeba verbringen würde, war auch klar, dass ein Ausflug ins Nationalmuseum auf dem Plan stehen muss. Wer mich kennt, weiß, dass ich eher weniger darauf fliege, irgendwelchen Persönlichkeiten oder Stars und Sternchen hinterher zu rennen, aber in Äthiopien hatte ich dann doch eine gewisse Star-Attitüde.
Lucy war, meines Erachtens, die älteste Vorfahrin der Menschheit, die je gefunden wurde. Ich wusste, dass sie im heutigen Äthiopien gelebt hatte, aber mir war gar nicht so bewusst, dass ihre Knochen im Nationalmuseum in Addis liegen.
Ingesamt war ich sogar zweimal im Museum, da wir beim ersten Mal nach sage und schreibe 20 Minuten rausgeworfen worden, indem sie einfach das Licht im Museum ausmachten. Da das genau in dem Moment passierte, in dem ich 3 Meter von Lucy’s Knochen entfernt war, nutzte ich noch weitere 10 Minuten im Dunkeln mit meinem Handylicht, um die Erklärungen zu lesen, ein Foto mit großartiger Belichtung zu schießen und ein paar andere Knochen und Schäbel von “Familienmitgliedern” von Lucy anzuschauen.
Letzte Woche unternahm ich dann aber nochmal einen Versuch und nahm mir mehrere Stunden Zeit, um das Museum voll und ganz zu begutachten. Im strömenden Regen kam ich beim Museum an, lief an dem grünen, saftigen Vorgarten vorbei, die Treppen hoch ins Museum.
Das Museum hat drei Stockwerke, unten sind Lucy und ihre Kumpels, im ersten Stock soll sich eine Kunstausstellung befinden und im zweiten Stock eine ethnologische Ausstellung aus Äthiopien. Eine Landkarte im Eingangsbereich zeigte mir, dass es etlich viele Ausgrabungsstellen in Äthiopien gibt.
Obwohl ich einige Tage zuvor schon einmal im Untergeschoss bei Lucy war, war das erneut mein erstes Ziel. Diesmal mit Licht, Entspannung und genügend Zeit. Bevor die Knochen unserer menschlichen Vorfahren zu sehen waren, waren tierische Knochen, von übergroßen Wildschweinen und Sebelzahntigern und den Vorfahren der Antilopen und Giraffen ausgestellt. Im Eingang zur der Menschen-Abteilung zeigte mir eine Übersicht, dass ich falsch lag mit meinen Vermutungen. Lucy war gar nicht die älteste Vorfahrin der Menschheit, deren Knochen gefunden worden. Lucy war nämlich “nur” 3,7 Millionen Jahre alt. Der Toros-Ménalla, der im Tschad ausgegraben wurde, ist nahezu doppelt so alt, mit 7 Millionen Jahren. Aber der Toros ist hier nicht im Museum, also bin ich weiterhin im Lucy Fieber. Ihre Knochen liegen in einer Vitrine, so angeordnet, dass man das Skelett erahnen kann. Am meisten Teile sind von ihrem Oberkörper vorhanden, viele Rippen, Armknochen und Knochen der Wirbelsäule. Von den Beinen und dem Schädel sind jeweils nur einige Teile gefunden worden. Damit ich als Besucherin nochmal einen besseren Eindruck von Lucy bekomme, wie sie wohl vor 3,7 Millionen Jahren ausgesehen haben könnte, hat das Museum ihr komplettes Skelett nachgebildet. So hat man irgendwie das Gefühl so richtig neben ihr zu stehen. Sie war nur knapp einen Meter groß. Schön, dass ich mich wenigstens einmal als Riese fühlen kann.
Dann schaue ich mich weiter um, entdecke an der Wand einen Bildschirm mit Erläuterungen auf Englisch zu den historischen Funden und bemerke zum ersten Mal, dass Lucy hier anscheinend gar nicht der Star ist, sondern Selam.
Selam ist etwa 150.000 Jahre älter als Lucy, sie war eine sie, ein Mädchen, sie wurde nur 3 Jahre alt und ist vermutlich ertrunken. Ihr Skelet ist extrem vollständig gefunden worden, der Schädel und die Zähne sind fast komplett vorhanden. Deshalb und natürlich wegen ihres Alters stelle Selam einen sehr besonderen Fund für Äthiopien, für die Menschheit insgesamt und auch für das Museum dar. Der kurze Filme zeigte, wie im Museum höchstpersönlich die ganzen Knochenteile von Selam gesäubert und analysiert wurden.
Nach dem Unterschoss besichtigte ich noch die anderen zwei Stockwerke. Das eine ist voll mit Kunst aller möglicher Art und zu verschiedenen Themen und Epochen, wie ich als völlige ahnungslose Kunstlaie hier total fachmännisch bewerten kann. Das meiste ist Malerei, aber ein paar Skulpturen sind auch dabei, in einer Ecke hängt auch ein Bildschirm mit einer kurzen Dokumentation, aber ich bleibe nicht stehen. Ich bleibe an einigen Kunstwerken automatisch hängen. Ich kann gar nicht sagen warum, sie sprechen mich an und ich stehe lange und überlege, was wohl die Botschaft der Künstler oder Künstlerinnen sein soll. Dabei denke ich daran, wie ich mal in Berlin bei der georgischen Botschaft bei der Kunstausstellung einer Bekannten war und mit einem Freund Ewigkeiten vor einem Gemälde standen und gefachsimpelt haben. Unsere Fantasie hatte dabei keine Grenzen. Von einem Frauengesicht, über einen Baum bis hin zu politischen Statements, haben wir alles mögliche in dem 2 farbigen abstrakten Kunstwerk mit 5 Strichen gesehen. Als der Künstler kam, fragten wir ihn, was dahintersteckte. Er lachte und meinte: “Nichts. Es ist einfach aus ihm herausgesprudelt und er hat gemalt. Und das ist das Ergebnis.” Der Satz ist in meinem Kopf und ich stehe schmunzelnd vor dem Kunstwerk im äthiopischen Museum und fachsimpel mit mir selber. Mir macht das Spaß. Egal, was der oder die Künstlerin sich dabei gedacht hat, ich kann ihn oder sie ja im Moment eh nicht treffen, aber sprudelt es eben aus mir heraus. Meine Fantasie sieht den Baum des Lebens, die Kritik am Kolonialismus und seinen Folgen, die Stärke von äthiopischen Frauen, die Kunst des Handwerkes und die Darstellung von Traditionen.
Mit diesen Impressionen gehe ich weiter hoch ins nächste Stockwerk.
Ich verweile hier nicht so lange. Ich laufe eine Runde und schaue mir die alten Gewänder, Werkzeuge, Instrumente und Schmuck an. Da in Äthiopien sehr viele Menschen auch im Alltag die traditionelle äthiopische Kleidung tragen, birgt der Teil der Ausstellung für mich weniger Überraschungen. Leider gibt es auch wenige Beschreibungen auf Englisch, weshalb meine Aufmerksamkeit noch weniger auf Höchstleistung ist. Doch ein Schaufenster treibt mich dann doch zum Verweilen an. Ich entdecke ein Spiel, welches ich bereits in Namibia und in Ghana gespielt habe. Ich weiß leider den Namen nicht, aber ich erinnere mich, dass ich mal gehört habe, wie jemand sagte: “Das ist das afrikanische Schach.” Auf den Bildern unten sieht man es, das ovale Dingens aus Holt mit 24 Löchern drin. In jedem Loch befinden sich ein oder mehrere Kügelchen, das sind die Spielsteine. Natürlich erinnere ich mich überhaupt nicht mehr wie exakt die Regeln gehen, aber ich bin mir sicher, beim nächsten Ghana Besuch wird es wieder die Chance dazu geben, es zu spielen. Vielleicht gibt es dann mal ein Erklärvideo dazu auf meinem Instagram-Kanal. Aber zurück nach Äthiopien. Ich sehe das Spiel und bin erstaunt, wie verbreitet es über den ganzen Kontinent ist. Dann geht es weiter im Museum.
Ich laufe die zwei Treppen hinunter und verabschiede mich ein zweites Mal vom Nationalmuseum in Addis Abeba. Mein Fazit ist, dass es definitiv einen Besuch wert ist! Da es nur bis 5 Uhr auf hat, lohnt es sich früh hinzugehen, nach 1,5 Stunden kann man alles gemütlich durchlaufen. Und natürlich empfehle ich so viel Zeit für möglich mit den Stars Lucy und Selam zu verbringen. Das war, welch Überraschung, mein persönliches Highlight!










