September 2021
Träume, als lebtest du ewig – lebe, als stürbest du heute.
Diese Woche ist es ein Jahr her, dass mein Partner gestorben ist. Diese Woche ist auch sein Geburtstag. Zu Ehren von ihm, schaffe ich es vielleicht endlich diesen Text fertigzustellen und mit euch zu teilen. Der Tod ist meinem Leben seither ein ständiger Begleiter. Einige Tage mehr, einige Tage weniger. Wie der Tod für mich aussieht, was ich denke, was nach dem Tod passiert usw. das werde ich am Ende des Textes nochmal aufführen. Aber zunächst möchte ich mich dem Leben widmen.
Das Leben wird kostbarer, wenn man den Tod kennenlernt. Und wenn man den Tod besser kennt, macht einem der Tod gar nicht mehr so Angst. Die Angst gilt den Lebenden. Die Trauer gilt den Lebenden. Die Wut gilt den Lebenden. Eine gute Freundin sagt immer: “Sei froh, dass du all diese Gefühle spüren kannst. Das ist besonders. Dafür sind wir Menschen, dass wir alle diese Gefühle haben und spüren können.” Wenn man den Tod besser kennt, denkt man über sein bisheriges Leben auf eine neue Weise nach. Ich besonders, da mich dies nicht nur der Tod gelehrt hat, sondern mein Partner selbst. Als er starb und ich über sein Leben reflektierte, wurde mir bewusst, dass er nichts mehr auf seiner Liste stehen hatte. Er hatte einen Wunsch, einen Traum, dann begann er ihn zu erfüllen. Er hatte ein Reiseziel, dann buchte einen Flug. Er war unglücklich in seinem Job, dann suchte er sich einen anderen. Er lebte jeden Tag, als könnte es der Letzte sein. Das konnte manchmal gut, manchmal schlecht sein. Aber grundsätzlich macht es mich glücklich zu wissen, dass er sein, wenn auch kurzes, Leben vollends gelebt hat.
Immer wieder hört man Geschichten von Personen, die eine lebensbedrohliche Krankheit überstanden oder einen Autounfall knapp überlebt. Ich selbst bin dem Tod nicht knapp entkommen, aber der Tod hat mir etwas sehr Kostbares genommen und deshalb hatten wir intensiven Kontakt. Deshalb hat der Tod mir vermutlich das selbe gelassen, was er diesen Menschen gelassen hat, die eine zweite Chance zum Leben bekommen haben. Man fragt sich, was wirklich wichtig ist. Man fragt sich, wie man von nun an jede Sekunde seines Lebens leben möchte. Was soll bei dem eigenen Tod irgendwann auf der Liste stehen. Man fragt sich, ob es sich wirklich lohnt sich aufzuregen. Man wird milder. Man wird mutiger. Weil, irgendwie kommt in einem das Gefühl hoch, man hat ja nichts zu verlieren. Der Tod hat es mir leichter gemacht mutig zu sein, er hat mich lahmgelegt, völlig gelähmt. So war aber auch die Möglichkeit da, komplett von Neuem anzufangen. Zu überlegen, was wirklich wichtig ist.
Mein Leben habe ich seither umgekrempelt.
Neben der Kündigung meines Jobs, dem Umzug in den Sudan, neuen Sportarten, Musikinstrumenten und einer Psychotherapie hat sich auch vieles innerlich in mir geändert. Ich habe das Gefühl ich nehme mein Leben aktiver und intensiver wahr. Ich lebe im Jetzt und nicht im Morgen. Und das wirkt sich zum Beispiel so aus, dass ich bei Treffen mit Freunden voll und ganz die Zeit vergesse. Es wirkt sich so aus, dass ich plötzliche Änderungen im Tagesablauf beobachte und sie für ok befinde und mich nicht ärgere oder aufrege. Es wirkt sich auch so aus, dass ich in den letzten Monaten spontan ‘Ja’ zu Nebenjobs gesagt habe, die ich sonst nie in Erwägung gezogen hätte. So habe ich viel über das Leben einer Person, die blind ist, erfahren. So fand ich mich plötzlich in der Bildungsarbeit zum Thema Kolonialismus. Und so begann ich plötzlich auch als Journalistin tätig zu sein. Spannende neuen Einblicke, die sich mir sonst nie gezeigt hätten. Ich räume auch viel mehr Zeit für mich selbst ein und spüre innerlich wie gut mir das tut. Mehr Ich-Zeit bedeutet allerdings auch stärkere Auseinandersetzung mit Gedanken und Gefühlen. Ergo schwierige Stunden und Tage. Allerdings habe ich gelernt, dass das wichtig ist. Nur die aktive Auseinandersetzung trägt dazu bei, dass ich heute stehe wo ich stehe. Also muss ich das manchmal zulassen, aushalten, verarbeiten, mir die Unterstützung suchen, die ich in dem Moment brauche, und spätestens am nächsten Morgen ist alles immer wieder nur halb so schlimm. Und der Blick geht in Richtung Sonne.
Ich weiß die Beziehungen zu meinen Freunden und Familie noch mehr zu schätzen. Sie haben mich aufgesammelt und meinen Puzzle-Teile wieder zusammengesetzt. Mich weinen lassen, in den Arm genommen, mich abgelenkt, mir zugehört, mir Essen gemacht, mir Aufgaben abgenommen und mir immer wieder gesagt, wie gut ich das alles mache. Ich habe gemerkt, dass Menschen, die eine trauernde Person um sich haben, nicht immer wissen, was sie machen sollen. Es ist wichtig, zu äußern was einem gut tut. Und wenn man sich nicht sicher ist, zu äußern, was einem gut tun könnte. Es ist ein Geschenk, seine Gedanken, Sorgen und Ängste mit anderen zu teilen. Das Gegenüber öffnet sich dann meist auch und es entstehen Gespräche, die man vorher nie für möglich gehalten hat. Man fühlt sich stärker, da man nicht alleine ist. Und man fühlt sich mehr verbunden, da man nicht mehr nur an der Oberfläche kratzt.
Ich habe heute weniger Angst. Wenn ich mich meinen Ängsten stellte, war es ist nie so schlimm, wie ich vorher dachte. Mein Therapeut fragte mich zu Beginn, als ich meinte, dass ich Angst habe allein zu sein: “Was denkst du denn, was genau passiert, wenn du alleine bist?” In meinem Kopf hatte ich schreckliche Angst, aber eigentlich nur davor, dass ich dann weine und der Schmerz nicht mehr aufhört. Er riet, mir es einfach mal auszuprobieren, Nur mal so 2 Stunden, tagsüber. Und ich probierte aus. Ja, ich weinte. Ja, der Schmerz war stark. Aber er war nicht unendlich. Es hörte irgendwann automatisch auf und dann war ich im Prinzip wieder im Stande aufzustehen und keine Ahnung, mir irgendwas zu essen zu machen. Ab dem Zeitpunkt erhöhte ich die Stunde des alleine-seins immer mal. Und heute schreibe ich diesen Text aus meiner Wohnung im Sudan, die ich aktuell alleine bewohne. Dieses Stellen der Angst und sich mal in die Situation begeben, hat mich gelehrt, so mit allen meinen Ängsten umzugehen. Das fühlt sich manchmal ein bisschen Supermario-Like an. Als würde ich durch ein Spiel spazieren, welches mein Leben heißt, und dann aller paar Wochen auf eine Angst stoße. Und dann gilt es das nächste Level zu erreichen, aber nicht bevor man die Angst besiegt hat. Nicht alles auf einmal, man hat etwas Zeit, das Spiel zu spielen und auch Level zu wiederholen. Aber es fühlt sich unendlich gut an, wenn man dann doch das nächste Level erreicht. So habe ich mir nach und nach meine Selbständigkeit zurück erarbeitet und konnte dann auch wieder die ganz normalen Dinge angehen: über neue Jobmöglichkeiten nachdenken, eine lange Reise in die Ferne planen, zu Events mit Freunden gehen, gemeinsam kochen usw.
Das sind alles innere Entwicklungen, die ich vermutlich nie gegangen wäre, wenn mein Partner nicht gestorben wäre. Ich bin dankbar, dass ich heute die Theresia bin, die hier den Text schreibt. Natürlich bin ich nicht froh, dass er gestorben ist. Aber er ist nun mal gestorben. Und ich bin froh, dass ich das daraus gemacht habe, was ich daraus gemacht habe. Und dass ich es mit euch teilen kann.
Genug vom Leben, widmen wir uns dem Tod.
Eine religiöse Prägung in meiner Kindheit hatte ich zum Thema Tod nicht. Allerdings habe ich das Glück, bereits viel gereist zu sein und zum Beispiel in Ghana mit der christlichen und im Sudan mit der muslimischen Religion in Berührung gekommen zu sein. So hat sich vermutlich meine aus Kinderserien, Hollywood-Streifen und Harry-Potter-Bänden geprägte Vorstellung vom Leben nach dem Tod vermischt mit Ideen aus Religionen und Kulturen. Ich lebte recht unbeschwert, habe getrauert als meine Uroma oder mein Opa gestorben sind, freute mich für beide, dass sie ein recht langes und erfülltes Leben hatten und ging danach in meinen normalen Alltag über. Der Tod von meinem Partner ließ mich nicht so schnell wieder in meinen Alltag übergehen und alle meine bisherigen Vorstellungen veränderten sich zu einer chaotischen, verschwommenen Masse in meinem Kopf. Ich suchte unentwegt nach Erklärungen, wissenschaftlichen Artikeln, einem Sinn im Tod, dem Sinn des Lebens und nach dem fehlenden Puzzle-Teil, was mir meinen Frieden geben kann.
Und dann hat es Klick gemacht.
Es gibt nichts und niemanden, der mir die hundertprozentige Wahrheit erklären kann. Ich werde es entweder nie erfahren oder vielleicht, wenn ich selbst sterbe. Also habe ich beschlossen, mir einfach meine eigenen Wahrheit zu bauen. Eine Wahrheit, die mich zufrieden macht. Was dabei Zufriedenheit ist, ist nicht so leicht zu beschreiben, aber ich versuche es mal: Mir ist es wichtig, weiterhin mit verstorbenen Menschen zu kommunizieren. Mir ist es wichtig, dass diese Menschen noch weiter Teil meines Lebens sind, ich ihnen Dinge erzählen kann, so wie ich es vor ihrem Tod auch getan habe. Mir ist es wichtig, in meinem eigenen Leben weiter nach vorne zu schauen. Mir ist es weniger wichtig, ob meine Vorstellung von Tod sehr real ist oder ich sie wissenschaftlich erklären kann. Da meine Fantasie, meinen Träumen nach zu urteilen, nahezu grenzenlos erscheint, sollte es eigentlich nicht so schwer sein, mir das Leben nach dem Tod anders als schwarz, traurig und düster vorzustellen. Die Vorstellung mit Konfetti, Sonne, Seifenblasen und guter Musik macht schon beim Gedanken daran, viel mehr Spaß im Kopf.
Einst in Ghana sagte mir mal jemand, dass der Tod so gefeiert wird wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern zusammen. So wird das Leben der Person geehrt. Meine Eltern und eine Freundin konnten es life erleben. Eines Tages im Dezember 2014 weckte sie Silas, ein ghanaischer Freund, 4 Uhr morgens. Es war der letzte Tag einer ghanaischen Beerdigung im Ort. Ja, richtig gehört: der letzte Tag. Die gesamte Feierei dauerte 7 Tage. Wir hörten ab und zu aus der Ferne Trommeln und Gesänge. Wir sprachen und fragten so viel dazu, dass Silas die drei am letzten Tag schnappte und mit ihnen die letzten Stunden miterlebte. Zurück kam er mit drei aufgeregten, übermüdeten und plappernden Menschen: ‚Es war atemberaubend. So cool! Alle haben getanzt. Sie trugen Kostüme. Was haben sie geguckt, als Mama auch getanzt hat. Schade, dass du nicht dabei warst. Eine krasse Erfahrung.“ Tatsächlich denke ich heute, dass es schade ist, nicht mitgekommen zu sein. Aber die Erzählungen sind mir stark in Erinnerung geblieben, dass sie mir heute auch bei dem Thema Tod helfen.
Auch hier im Sudan gehen die Menschen anders mit Tod um, als ich es von zu Hause kenne. Viele glauben, der Zeitpunkt des Todes ist vorgegeben. Und tatsächlich wartet auf den Menschen nach dem Tod ja etwas Schönes. Nach dem Tod wird natürlich gerichtet, das Leben wird Revue passieren lassen und es wird entschieden, ob man in eine Art Paradis oder in die Hölle kommt. Hölle klingt für die meisten vermutlich nicht erstrebenswert. Allerdings ist erstmal festzuhalten, dass das Leben nach dem Tod auf jeden Fall weitergeht. Und wenn der Zeitpunkt des Todes eines jeden Person bereits von Gott vorgegeben ist, dann sollte es eben einfach so sein. Das bringt viele Menschen hier dazu, zu glauben, dass der Zeitpunkt der Richtige war, dass es einen guten Grund gegeben habe, dass die Person genau jetzt gestorben ist. Und dass es für irgendetwas anderes gut war. Das bedeutet auch, dass das Richten nach dem Tod eine Auswirkung auf das Leben hat. Viele Menschen überlegen hier sehr genau, wie sie Gutes tun und wie sie Böses vermeiden. Ich spüre, wenn ich hier mit Menschen rede, die eine liebe, enge Person, zum Beispiel durch Corona kürzlich, verloren haben, dass sie sehr entspannt darüber sprechen. Natürlich vermissen sie diese Person. Aber so ist das Leben, das gehört dazu. Es gibt Krankheiten, die einige in den Tod bringen, andere nicht. Die die noch Leben, haben vielleicht ihre Aufgabe noch nicht erfüllt. Und die die sterben, sind hoffentlich dann im Paradis. Das bedeutet auch, dass man sie wieder treffen kann. Das ist für mich auch ein sehr beruhigender Gedanke.
Aber was denke ich denn nun, wer oder was der Tod ist. Und was nach dem Tod passiert?
Wenn ich „lieber Tod“ schreibe, denke ich sofort an das Märchen, welches in einem der Harry Potter Bände erzählt wird, „von den drei Brüdern“. Es ist eine schöne Geschichte und auch im Film wundervoll illustriert. Der Tod ist am Ende für den dritten Bruder, der recht alt geworden ist und einen Sohn großgezogen hat, ein alter Freund, den er begrüßt. Der Tod als alter Freund. Netter Gedanke.
Ich stelle mir den Tod nicht schmerzhaft vor. Ich denke, Körper und Seele werden beim Tod getrennt, worüber die sterbende Person erleichtert und traurig sein kann. Ich denke, es gibt einige Zeit, in der die gestorbene Person, sein eigenes Leben nochmal vor Augen hat. Es kann alles nochmal angeschaut werden, reflektiert werden, aber auf eine ganz neutrale und klare Weise. Ich denke, dass es nach dem Tod eine Zeit gibt, in der man noch ganz nah bei den Menschen ist, die an einen denken. So als wäre die Trennung zwischen Körper und Seele ein längerer Prozess. Am Anfang ist man von seinem Körper nur ein paar Meter entfernt, später entfernt man sich nach und nach und hat noch die Möglichkeit auf der Welt hin und her zu “reisen”, um den Personen nah zu sein, denen man nah sein möchte. Danach entfernt man sich weiter. Die Seele von der ich spreche, stelle ich mir als eine Art Geist vor, eine Energie. Und diese Energie wird dann irgendwann gesammelt zu einer Masse von Energie, die irgendwo in der Atmosphäre schwebt. Ab und zu kann man zur Erde, einige Seelen suchen sich vielleicht einen neuen Körper, andere bleiben da. Und dann beobachtet man. Aber nicht mehr so bewusst, wie ich jetzt gerade schreibe. Sondern einfach ab und an, wenn einen die Gedanken derer wecken, die an einen denken. Ansonsten schläft man vielleicht einfach und ist quasi in Trance und entspannt.
Eine Vorstellung hat sich bis heute gehalten und wurde nicht nach monatelanger Reflexion über den Haufen geworfen: Menschen, die sterben, sind definitiv nicht in der Erde. Sie sind in der Luft. Mit meiner Uroma habe ich hauptsächlich bei klarem Sternenhimmel gesprochen und ich habe sie mir dann auf einem Stern sitzend vorgestellt. Bei einem Schulfreund so ähnlich, ich schaute stets noch oben und konnte jederzeit mit ihm reden. Auch nachdem im vergangenen Jahr eine ältere Dame, mit der ich gut befreundet war, dann mein Freund und wenig später die Oma meines Freundes starb, hatte ich sofort ein Bild vor Augen, wie alle drei nebeneinander auf einer Wolke sitzen, alle einen Drink in der Hand, Kanaster spielen und sich darüber austauschen, was in der Welt gerade so passiert.
Vielleicht merkt ihr, dass meine Vorstellungen zwischen Energie, Seele, Menschen, die auf Wolken sitzen und einem recht menschlichen Tod als Freund hin und her schwenken und nicht so recht zusammenpassen. Aber wie bereits gesagt, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Also belasse ich quasi mein nicht zusammenpassendes Puzzle als Mosaik so stehen und bin zufrieden. Ich bin zufrieden, dass ich für mich eine Welt nach dem Leben geschaffen habe, die die Toten noch bewahrt und ich mit ihnen kommunizieren kann. Mehr wollte ich ja eigentlich nicht.
Nun. Liebes Leben, lieber Tod. Schön, dass ihr da seid. Ohne das Leben gäbe es den Tod nicht und ohne den Tod wüssten wir das Leben nicht zu schätzen. Ich weiß es nun etwas mehr zu schätzen und ich hoffe, meine LeserInnen auch 🙂
Bis bald.
