Was hat sich verändert?

August 2021

Diese Frage stellen viele. Meine sudanesischen FreundInnen hier wollen oft von mir wissen, ob ich einen Unterschied spüre zwischen dem alten und dem neuen Sudan.

Zum Hintergrund: Der alte Sudan, ist der Sudan, den ich 2017 und 2018 kennenlernte. Der alte Sudan war eine Diktatur unter dem Herrscher Al Bashir. Südsudan war bereits seit 6-7 Jahren unabhängig und somit das Land geteilt. Der alte Sudan wurde nach dem Rechtssystem Scharia regiert. Das bedeutete, unter anderem, dass es recht viele Regeln gab, die durch eine sogenannte Ordnungspolizei überprüft worden ist. Ich persönlich bemerkte hier vor allem die Regeln in Bezug auf Kleidung, Trennung von Männern und Frauen und das Verbot von kulturellen, Kunst oder, kurz: Spaß-Veranstaltungen.

Was sollte also der neue Sudan sein? Wer bereits ein bisschen meine Seite verfolgt hat oder auf internationalen News-Seiten unterwegs ist, könnte mitbekommen haben, dass es im Sudan eine Revolution gab. Nur ein halbes Jahr, nachdem ich im Sudan gelebt und gearbeitet hatte, begannen die Proteste aus der Bevölkerung heraus. Es gab sicherlich viele Ursachen und Auslöser, aber ein Auslöser, der oft kommuniziert wurde, waren die Verknappung von Lebensmitteln und Benzin und somit steigende Preise und lange Wartezeiten der lebensnotwendigen Dinge. Fast ein halbes Jahr hielten die SudanesInnen durch. Meine Freundin aus dem Sudan berichtete mir regelmäßig, zu welchen Protesten sie ging, worauf sie achten muss, wem man vertrauen kann, wem nicht, wie man sich vor Tränengas schützt usw. Ich machte mir Sorgen, war aber stolz! Genauso berichtet sie mir vor 2 Wochen, ging es ihrer Mama und ihren Geschwistern, die sie unterstützten, für ein besseres Sudan einzustehen.

Es gelang! Im April 2019 wurde die Regierung durch das Militär gestürzt und zwei Monate später eine Übergangsregierung eingesetzt. Militär und Zivilgesellschaft sind hier gleichermaßen vertreten. Die Übergangsregierung ist seither damit beschäftigt, das zerrüttete Sudan wieder zusammenzuflicken. Wirtschaftsaufschwung, ein vertrauensvolles Rechtssystem und Friedensabkommen im Süden und Westen Sudans sind hier nur einige Ziele, die es dabei gibt. Ende 2022 sollen demokratische Wahlen stattfinden.

Die Menschen hier sind ungeduldig. Das kann ich verstehen. Wer 6 Monate lang jeden Tag auf die Straße protestiert und sich Lebensgefahr dabei aussetzt, darf nach 1,5 Jahren ungeduldig werden.

Aber, was ist denn nun mein Eindruck? Was hat sich verändert? Was ist geblieben?

Geblieben ist meine rosa-rote Brille, mit der ich durch den Sudan laufe. Meine sehr positive Wahrnehmung vom Sudan, von den Menschen, von dem Vibe ist gefüllt mit coolen, lustigen, abenteuerlichen und inspirierenden Erinnerungen. Vor allem durch die Freunde, die mir bis heute geblieben sind und die letzten 2 Wochen allesamt besucht und gedrückt wurden, ist mir Sudan im Herzen geblieben. Auf die Frage, warum ich wieder hier bin, antworte ich meist intuitiv „because I love Sudan so much.“. Und das ist nicht aufgesetzt.

Dennoch. Ich weiß, es ist nicht alles Friede, Freue, Eierkuchen und ich möchte euch gerne an der ganzen Wahrheit teilhaben lassen.

Geblieben ist die Art der Menschen. Die SudanesInnen sind recht gelassen, unaufdringlich, milde und sehr gastfreundlich. Geblieben ist der Müll an den Straßenrändern. Geblieben ist der Verkehr, der sich stockend durch die heißen Straßen trägt. Geblieben ist die Brise vom blauen und weißen Nil. Geblieben ist die Sprache – sudanesisches Arabisch. Geblieben ist die Art, Tee und Kaffee zu sich zu nehmen.

 Bevor es noch weiter ausartet und ich vergesse, die eigentliche Frage zu beantworten: Was hat sich verändert? Hier meine Top 10:

  1. Die Währung: Die Inflation ist kaum zu stoppen. Der 1 Euro, den man 2017 gegen 25 sudanesische Pound gewechselt hat, ist heute 550 SDG wert. Das heißt auch, die Kosten für alles mögliche sind angestiegen. Viele Menschen hier haben dadurch Probleme sich nur das Lebensnotwendigste zu leisten.
  1. Veranstaltungen: Es ist viel mehr los. Konzerte, neue Cafés, Lesungen etc. finden an vielen Orten in der Hauptstadt Khartoum statt. Junge Leute sind abends unterwegs, unterhalten sich ausgelassen, genießen die Abende zusammen.
  1. Graffiti: Die Erinnerungen an die Revolution sind in den ganzen Städten verteilt. Graffiti mit Bildern und Slogans der Revolution schmückt viele Mauern Sudans. Es wird deutlich, dass die sudanesischen Frauen die Hauptrolle bei den Protesten gespielt haben.
  1. Strom- und Wasserausfälle: In Gedarif hatten wir das auch ab und an, aber so flächendeckend und oft, wie aktuell, sind Strom und Wasser wirklich sehr rare Güter geworden. Momentan erlebe ich circa aller 2 Tage Stromausfall. Es gibt schon viele Projekte im Solarbereich, aber noch nicht systematisch und noch nicht flächendeckend.
  1. Junge Menschen: Wenn ich mir die jungen SudanesInnen anschaue, spüre ich einen frischen und motivierten Vibe. Man hört, dass viele neu eröffnete Cafés, Food-Trucks und Co. von der jungen Generation eröffnet worden. In den nächsten Wochen werde ich die Start-Up Szene von Khartoum noch ein bisschen näher unter die Lupe nehmen und euch davon berichten.
  1. Situation für Frauen: Sudan ist etwas Frauen-freundlicher geworden. Ich sage das vorsichtig, da ich keine sudanesische Frau bin und mir bewusst ist, dass es für Frauen hier vor allem immer noch sehr viele Ungleichheiten gibt. Dennoch, positive Veränderungen, die mir aufgefallen sind, möchte ich aufschreiben: ein Kopftuch ist nicht mehr verpflichtend, Sport für Frauen ist mehr möglich, Frauen dürfen Fahrrad fahren und Genitalverstümmelung ist als illegal erkannt worden.
  1. Regen: Der Regen hier ist immer noch nass, tropfenförmig und kommt von oben aus den Wolken. Haha, eigentlich ist das gelogen, denn: Ich habe in 7 Monaten Sudan das letzten Mal keinen einzigen Regentropfen gesehen. Da ich zum letzten Mal nur in der Trockenzeit da war, sehe ich aktuell Sudan das allererste Mal in einem grünen Kleid. Vor allem im Osten des Landes erstrecken sich Wiesen, Büsche und Bäume.
  1. Digitalisierung: Auch vor Sudan macht die Digitalisierung nicht halt. Es gibt viele neue Apps, Bezahlen und überweisen läuft hier viel, schnell und leicht übers Handy, ich sehe viele junge Leute ihre Produkte über Instagram und Facebook verkaufen, viele Handy- und Elektronikshops.
  1. Mehr internationale Organisationen: Ich vermute, dass der Grund vor allem die Flüchtenden aus Äthiopien sind, die im Sudan ankommen. Vor allem in Gedaref fällt auf, dass es neben dem GIZ Büro noch 5-6 weitere fußläufig gibt. Die KollegInnen erklären uns, dass dies alles humanitäre Organisationen seien, die die Menschen aus Äthiopien unterstützen und von Gedaref aus in die Camps fahren.
  1. Ich: Sudan`s Veränderung hat natürlich nichts direkt mit mir zutun. Aber meine Wahrnehmung hat sich sehr verändert. 2017, erstes Mal im Sudan, alles ist neu, eine Revolution war nicht abzusehen, ich sauge erstmal alles Neue auf und hinterfrage sicherlich auch weniger. Heute setze ich mich viel stärker mit der politischen Situation des Landes auseinander, habe in den letzen Jahre viel gelesen, frage kritischer nach, schärfe meinen Blick für das Leben der Menschen und nehme so natürlich heute das neue Sudan ganz anders wahr.

Sicherlich wird mir mit der Zeit noch mehr auffallen, aber ich denke das ist schon eine ganz Übersicht für die erste Fragerunde.

Nun werde ich mich weiter einleben und beobachten, was Sudan für mich bereit hält. Wenn jemand von euch selbst eine brennende Frage über den Sudan hat, die ich einem Blogbeitrag beantworten könnte, schreibt mir gern 🙂

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