Politik ist was für Männer. Über Politik reden ist streiten. Politik ist etwas, was ich eh nie verstehen werde. Politik hat was mit Themen zutun, die keinen Einfluss auf mich haben. Politik ist zu kompliziert. PolitikerInnen kann man nicht wirklich trauen. „Politisch sein“ bedeutet, in einer Partei Mitglied zu sein. Politik hat mich früher nie interessiert, politisch sein auch nicht. Der Gemeinschaftskunde-Unterricht in der Schule war langweilig.
Das dachte ich lange.
Dann zog ich nach Berlin. In Berlin ist Politik allgegenwärtig. Da ist der Bundestag. Da stehen Mauerstücke, da sind die Stolpersteine, da ist Angela Merkel zu Hause.
Mein neuer Nebenjob, auf den ich eher durch Zufall stieß, hatte auch viel mit Politik zutun. Nicht direkt meine Aufgaben, aber die meiner KollegInnen. Ich hatte anfangs Angst, dass ich mich blamiere. Ich wusste nicht mal wie die ganzen Parteivorsitzenden hießen und aussahen. Vielleicht lief ich mal jemandem in die Arme und erkannte ihn/sie nicht. Das wäre ja peinlich gewesen. Das passierte nie. Niemand merkte es. Gottseidank. Und mit der Zeit, schnappt man hier und da etwas auf und die Lücken wurden nach und nach aufgefüllt. Ich bemerkte, dass ich gar nicht so wenig von Politik verstehe. Und ich bemerkte, dass Politik nicht heißt, diese Namen und Gesichter auswendig zu lernen, sondern etwas ganz anderes. Mir fielen die Unterrichtsstunden von Gemeinschaftskunde ein, wo man lernte, wie Gesetze entstehen. Mir fiel die Klassenfahrt nach Berlin ein, wo wir das jüdische Denkmal besuchten und uns jemand im Bundestag erklärte, dass die gläserne Kuppel im Bundestag symbolisch für politische Transparenz steht. Mir fiel ein, wie viel ich vom Leben in der DDR von meinen Eltern und Großeltern wusste. Mir fiel ein, wie intensiv ich mich mit der ghanaischen Geschichte bisher auseinander gesetzt hatte. Und mir fiel ein, wie cool und spannend es war, das erste mal wählen zu gehen. Ich machte es, weil man es macht, aber ich machte es bis dato nicht, weil ich die Bedeutung vom Wählen richtig verstand.
Heute verstehe ich es. In den folgenden Jahren in Berlin bis heute, verknüpften sich meine Erfahrungen aus der Schule, der Kindheit und der Jugendzeit. Und ich merkte, dass all das auch Politik ist. Natürlich ist es anstrengend, sich immer zu informieren. Dass Politik kompliziert ist, daran halte ich fest. Allerdings glaube ich, dass „politisch engagiert zu sein“ nicht bedeutet, immer alles zu kapieren und immer auf dem aktuellsten Stand zu sein. Ich denke es bedeutet, dass man sich anschaut, was um einen herum passiert, es kritisch hinterfragt und wenn man etwas nicht gut findet, überlegt, wie man sich daran beteiligen kann, es besser zu machen. Und da gibt es echt viele Möglichkeiten – eine online Petition unterschreiben, seinen eigenen Konsum zu hinterfragen, zu einer Demo gehen, vorher die Parteiprogramme durchlesen, den Wahlomaten mal fragen, überlegen und dann wählen gehen, aktivistische oder politische Vereine unterstützen, Artikel teilen und mit Freunden darüber reden oder eine Führung mit Lobbycontrol in Berlin mitmachen. Manchmal bin ich auch frustriert und für mich ist Politik dann ein Haufen älterer weiß-bärtiger, bäuchiger Männer, die von Lobbyisten geschmeichelt Entscheidungen treffen, die nicht im Sinne ihrer WählerInnen ist. Aber meistens denke ich, Politik ist überall. Es bestimmt mein Leben und ich bestimme es auch. Es ist Teil davon, wie und wo ich lebe.
Wie und wo ich lebe. Das klingt noch weniger nach Politik, aber wenn man genauer hinschaut, hat das ganz schön viel damit zutun. Dass ich mich frei in Europa bewegen kann, hat damit zutun, dass sich die EU gegründet hat. Dass ich zu der Hochzeit meiner zwei homosexuellen Freunde gehen kann, hat damit zutun, dass Deutschland das gesetzlich vor einiger Zeit erlaubt hat. Dass Unternehmen in Deutschland Produkte verkaufen können, die für 50ct am Tag hergestellt wurden, hat damit zutun, dass so etwas wie das Lieferkettengesetz (noch) nicht existiert. Dass meine Großeltern mit 65 aufhören konnten zu arbeiten und weiterhin viele Jahre ganz normal leben können, hat mit den Gesetzen rund um die Rente zutun. Dass meine Eltern in einem kommunistischen Land, ich in einem demokratischen Land aufwuchs, ist Politik durch und durch. Dass innerdeutsche Flüge günstiger sind als Züge, hat mit der unterschiedlichen Besteuerung zutun. Dass meine Kollegin keine Angst haben muss ihren Job zu verlieren, wenn sie ein Kind kriegt, hat mit den Gesetzen rundum Mutterschutz zutun. Ich mein, irgendwie ist alles Politik. Und jede ach so kleine Gesetz wurde geschaffen, weil sich irgendjemand dafür eingesetzt hat. So macht es für mich also Sinn, mich für Dinge einzusetzen, die ich ich aktuell nicht so gut finde und die ich mir gerne wünsche.
Wie viele von euch wissen, beschäftigt mich nicht nur, wie ich lebe, sondern auch wie andere leben. Sehr vermutlich von meiner Mama geerbt, habe ich einen ausgeprägten Gerechtigkeits- und Solidaritätssinn. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, dass es mir gut geht. Tatsächlich ist es nämlich so, dass ich in meinem Leben, in meinem Erwachsenwerden durch Gesetze oder Nicht-Gesetze kaum behindert oder benachteiligt wurde. Kaum, weil es für mich als Mädchen und heute Frau definitiv Ungerechtigkeiten gibt/gab. Aber ich existiere ja nicht alleine, ich habe Freunde, Bekannte, MitschülerInnen, Nachbarn, Mit-Studierende und Augen und Ohren im Kopf. Und ich sehe oder lese eigentlich jeden Tag, dass Menschen benachteiligt werden. In meiner direkten Umgebung. Ich möchte andere auf ihrem Lebensweg unterstützen, die selben Voraussetzungen zu haben wie ich sie hatte und noch mehr. Und das kann Politik. Für mich ist Politik im Idealfall die Möglichkeit eine Menge aus Regeln zu schaffen, die einer Gesellschaft helfen, friedlich und fair miteinander zu leben. Diese Regeln sollten mehrheitlich beschlossen werden und nicht zu eng sein.
Daher ist eigentlich meine Eingangsfrage an mich selbst: Warum mich Politik plötzlich interessiert? damit zu beantworten: weil ich begonnen habe, mich für mein und das Leben anderer zu interessieren. Und weil ich verstanden habe, dass all das komfortable, freie, mir viele Möglichkeiten bietende Leben, welches ich führe, viel durch Politik entstanden ist. Natürlich auch durch Wirtschaft, kulturelle Einflüsse und einzelne Menschen. Aber Politik ist ein wichtiger Bestandteil, oder?
Heute, nachdem ich mehrere Artikel zu den Demonstrationen und Vorfällen am Samstag in Berlin laß, entschloss ich mich, diesen Artikel fertig zuschreiben und zu veröffentlichen. Ich finde es extrem besorgniserregend wie viele rechte Gruppierungen und steigende Mitgliederzahlen in diesen Gruppen jedes Jahr hinzukommen. in Deutschland und in Europa. Es ist gruselig zu sehen, was diese Menschen sagen, auf ihren Plakaten stehen haben. Es ist unvorstellbar, dass sie im Internet öffentlich andere bedrohen und beleidigen, die sie gar nicht kennen. Ich verstehe nicht, wie Menschen den Holocaust leugnen und sich ein drittes Reich zurückwünschen können. Auch das ist Politik. Das war sie mal für eine lange Zeit und ich dachte eigentlich, wir hätten daraus gelernt. Wenn nicht wegen allen anderen Gründen, allein wegen diesen Entwicklungen interessiere ich mich für Politik und bin aktiv politisch.
Ich hoffe, dass ich durch meinen Text die ein oder andere Person inspirieren kann, von heute an die täglichen Nachrichten, die ich hier bei aktuelles.org bei Facebook oder bei Instagram teile, anzuschauen und jeden Tag oder jede Woche einen Artikel zu lesen und mit Freunden oder Bekannten darüber zu reden. Politik heißt nämlich auch Austausch, Diskussionen, andere Meinungen anhören, akzeptieren und reflektieren. Ich freue mich, dass mich bisher schon viele auf meine Beiträge und Artikel, die ich teile, angesprochen haben und ich hoffe, es folgen von viele mehr.
