85 Jahre alt.

Eigentlich hieß meine Überschrift 100 Jahre alt und ich wollte über zwei Frauen schreiben, die genau 100 geworden sind und mal ein bisschen ihr Leben Revue passieren lassen. Da Regina, eine liebe und meine älteste Freundin, genau 85 Jahre alt geworden ist und leider letzte Woche verstarb, ändere ich diesen Text ihr zu Ehren um.

3 Frauen sind es nun also. 3 Frauen, denen ich begegnet bin, die mich fasziniert haben, die ich aber doch kaum kannte. Und im Nachhinein immer dachte: Hätte ich doch mehr Fragen gestellt. Gäbe es doch eine Biographie von dieser Person.

Hab ich nicht, deshalb, wie so oft, lasse ich meiner Fantasie gepaart mit historischen Fakten und den Schnipseln, die ich von ihnen erfahren habe, freien Lauf und stelle Euch diese 3 Frauen vor:

Meine Uroma.

Meine Uroma ist 2004 mit 100 gestorben, sie wäre also heute 116. Meine Uroma ist unter einem König aufgewachsen. Verrückt oder? Sie kommt aus Sachsen. Dort wurde Friedrich August III. in ihrem Geburtsjahr König von Sachsen. Cool, der Friedrich hat am gleichen Tag Geburtstag wie ich. Was ein Zufall. Naja zumindest kannte meine Oma einen König als das Oberhaupt ihres Landes. Es gab Kutschen und Straßenbahnen im Stadtbild. Frauen durften nicht wählen. Meine Uroma wuchs mit Clara Zetkin und Rosa Luxemburg als heute noch bekannte FrauenrechtlerInnen auf. Wie viel sie von beiden wusste, weiß ich leider nicht. Im Clara Zetkin Park gingen wir als Kinder oft spazieren, dadurch war mir der Name immer bekannt. Laut Erzählungen war Uroma nie krank. Sie passte noch bis sie 95 Jahre alt war auf uns zwei kleine Stifte, meinen Bruder und mich, auf. Ich war noch zu klein, um all die Fragen zu stellen, die heute in meinem Kopf schwirren. Die brennendsten Fragen, aber auch sehr sensibel, drängten mir zum 2. Weltkrieg auf: Wie sie den Aufstieg und das Leben unter Hitler empfand? Ob sie Juden kannte, die sich verstecken oder fliehen mussten? Ob sie wusste, was eigentlich geschah? Das alles fragte ich sie nie. Sie starb, als ich noch Kind war. Sie lebte noch ein paar Jahre im Altersheim, in einem recht schönen und einem sehr hässlichen. Ich konnte verstehen, warum sie im zweiten Heim dann auch sterben wollte und dies auch tat.

Ihr Leben ist wie 5 Schuljahre Geschichtsunterricht: Deutsches Kaiserreich, erster Weltkrieg, Frauenwahlrecht, der Aufstieg Hitlers, 2. Weltkrieg, Kriegsende, DDR, Wiedervereinigung, Neuzeit mit Internet, Handys und ihren Enkeln, die die Welt bereisen und studieren wollten. Ich frage mich, wie man das eigentlich alles verarbeiten kann, so als einzelner Mensch.

Hira.

Auch in Bangladesch habe ich eine 100 Jährige Frau getroffen, sie ist also jetzt immer noch 100, ich denke sie lebt noch. Sie ist die Frau auf dem Bild. Sie klagte, dass sie eigentlich alle schon überlebt hat, auch ihre eigenen Kinder und dass es auch irgendwann mal reicht. Gegen baldiges sterben hatte sie nichts. Dabei saß sie in der Hocke vor mir, in der Hocke, mit 100! Tja, Omi, vielleicht musst du noch ein paar Jahre durchhalten, bis dein Körper und Geist wirklich nicht mehr wollen. Wenn sie heute 100 ist, dann ist sie 1910 in Bangladesch geboren. Falsch. Sie ist 1910 in Bengalen geboren, welches durch Großbritannien als Kolonie verwaltet und beherrscht wurde, seit 150 Jahren schon. Danach war es immer noch nicht Bangladesch, sondern hieß Ostpakistan. Erst in den 70er Jahren heißt Bangladesch Bangladesch. Die Jahre zuvor gab es Krieg. Hira erlebte also auch mindestens einen Krieg. Wenn man das Geburtsjahr und den Geburtsort googelt und auf Fotos klickt schauen einen sehr viele ältere Männer mit geschmückten Turbanen und bedruckte Geldmünzen entgegen. Ältere Männer an der Macht und Geld im Fokus – das ist ja gar nicht so unterschiedlich zum Leben meiner Uroma (oder zu meinem ;)) Als Hira 10 Jahre alt war, gab es in ihrer Heimatstadt wohl mal ein stärkeres Erdbeben, auch etwas, was man im Internet findet. Hira wohnt heute in einem kleinen hinduistischen Dorf. Da ist sie in Srimangal, ihrer Heimatstadt in guter Gesellschaft mit 50% Hinduisten, in ganz Bangladesch betrachtet als eine Minderheit, die auch gesetzlich schlechter gestellt ist. Warum sollte es auch irgendwo Gleichberechtigung geben? Auch das ist ein Thema bei unserem kurzen Besuch und gemeinsamen auf dem Boden hocken, bis wir drei Nasen nicht mehr können, Hira aber immer noch entspannt dasitzt. Sie erklärt etwas zu ihrer Rente. Ich verstehe es nicht ganz und merke mir leider auch nicht die Details. Was ich mitnehme ist – als hinduistische sehr alte Frau erhält sie nicht das, was andere im Land bekommen und was ihr zustehen müsste. Das tut mir leid für sie. So alt und noch so viele Sorgen. So etwas wie Altersheime gibt es in Bangladesch nicht, das übernehmen die jüngeren Familienmitglieder und Nachbarn. Ich hoffe Hira geht es gut oder sie ist bereits tot, so wie sie wünschte. In jedem Fall eine sehr starke Frau, die sich hier ganz wunderbar einreiht.

Regina.

Zurück in Deutschland bei Regina. Regina ist 1935 geboren. Im Deutschen Reich. In Berlin. Über das Jahr 1935 und auch die Folgenden ist echt nichts Positives zu berichten. Und ich will eigentlich auch gar nicht so intensiv danach suchen. Die Machtergreifung Hitlers ist einfach so zentral, für die ganze Welt, für die in Deutschland lebenden Menschen, das muss man so stehen und wirken lassen. Auch Regina hat nie von dieser Zeit geredet. Einmal erschrak ich, weil ich dachte, es hinge ein Bild von Hitler an ihrer Wand. Es war ihr Vater und klar, in der Zeit war die Frisur und der sogenannte „Hitler-Bart“ Mode. Ich sprach sie nicht darauf an, obwohl ich gerne gewollt hätte. Vielleicht hatte ich Angst vor der Wahrheit. Regina erzählte viel von der DDR-Zeit, ihren Reisen, der Wende und ihrer Krankheits-Historie. Regina überlebte 2 Lebensgefährten, beide starben an Krebs, beide wurden von ihr zu Hause gepflegt. Nun pflegte ich sie, nun ja, ich war mehr Gesellschaft als Pflege, schließlich wohnte sie noch alleine in einer Wohnung und kam ziemlich gut zurecht. Mit ihrem Berliner Dialekt und guten Humor war jeder Besuch immer sehr amüsant. Und sogar noch im Sterbebett (wortwörtlich, da sie im Hospiz starb) machte sie Witze über die Pflegekräfte, die sie schon genau durchschaut hatte und schaffte es ab und an, eine zu überreden, ihr einen Fruchtzwerg als Nachtisch zu geben oder Brot mit Wurst anstatt Frischkäse. Regina wusste wie man durchs Leben kam. Sie war auch eine derjenigen, die zur Wende ihren Job verlor. Davon gab es viele! Sie war Buchhalterin, nach der Wende nahm sie in Teilzeit einen Putzjob in einem Bürokomplex an und pflegte ihren ersten Mann. Sie erzählte immer sehr stolz und gerne von ihrem Putzjob, was mich sehr freute. Auch ich putzte bei Regina aller 2 Wochen, ich machte ihr Klo sauber, in Ecken und Höhen wo sie nicht hinkam und kaufte schwere Sachen ein. Davor, danach oder dazwischen gab es oft einen Kaffee, Kekse, frisch gepressten Orangensaft oder eine selbst gemachte Suppe. So freundeten wir uns über 1,5 Jahre gut an. Meine älteste Freundin, sage ich heute und ich meine es. Obwohl uns fast 60 Jahre trennen, sprachen wir über Gott und die Welt. Ich kam mir nicht zu jung vor, um Sachen von früher zu verstehen, sie kam sich nicht zu alt vor, um Themen von heute anzusprechen. 

3 Frauen – 3 Geschichten. Die euch hoffentlich gefallen haben. Ich empfehle euch, mehr Fragen zu stellen. Ich ärgere mich, dass ich es nicht getan habe. Irgendwann gibt es keine Menschen mehr, die den 1. und/oder 2. Weltkrieg erlebten, die eine Zeit ohne Handys kannten, die für unser Wahlrecht oder die Demokratie heute auf die Straßen gingen. Alle drei waren sehr genügsam, sparsam und wirkten stets zufrieden. Alle drei hatten am Ende den Wunsch zu sterben. Was ich jeweils völlig verständlich und legitim empfand. Der Körper ist ja irgendwann auch müde nach mehreren Kriegen, politischen Systemen, Arbeiten und Kinder aufziehen parallel und dem ganzen Umschwung, der im hohen Alter noch um einen herum passiert, dem man kaum mehr folgen kann. Ich stelle mir vor, dass man sich wie in einem Karussell fühlt – man weiß um einen herum sind viele Menschen, Stände, viele Gespräche, viele Lichter, Gerüchte, Speisen und Gelächter, aber alles ist verschwommen zu mehreren Lichtstreifen, hören tut man nur das wiederkehrende Lied vom Karussell. Es macht Spaß im Karussell, aber gleichzeitig hofft man auch, dass einem nicht schlecht wird. So lebten die drei in ihrem Lebens-Karussell und konnten froh sein, so lange durchgehalten zu haben.

Ich bin gespannt, was alles passiert ist, wenn ich mal 100 Jahre alt bin.

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