Beim Frisör

Juli 2020

Ich war heute beim Frisör um die Ecke, bei „Schnitt Zone“, 2 Häuser weiter. Ein Laden, den ich immer misstrauisch beäugt habe: nicht gemütlich, steril, à la Cut and Go Style sicherlich. Aber mein Frisör, zu dem ich sonst gehe, macht schon 19 Uhr zu. Pech gehabt, Frisör am Boxhagener Platz: Schnitt Zone darf meine Haare waschen und schneiden. Was war das ein trauriger Tag für meinen Frisör, bei dem ich einmal im Jahr einmal unangemeldet anklopfe und satte 25 Euro dalasse!

Mit diesem misstrauischen Gefühl ging ich also hinein, mit einem positiven wieder hinaus. Der Tag war stressig, der Kopf voll, BAHM, direkt ein Kompliment: „Deine Sommersprossen sind schön“. Balsam für die Seele.

Erste Frage: was machst du so?

Tricky. Mein Kopf sagt: „Ich mache viele Sachen, arbeite hauptsächlich im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, in einem Verein in Ghana, aber auch in einer NGO. Eine NGO ist eine gemeinnützige Organisation. Die, wo ich arbeite, heißt Ingenieure ohne Grenzen. Wir machen Projekte in afrikanischen und asiatischen Ländern, ingenieurtechnische Projekte. Ich mache hauptsächlich Projektmanagement und Finanzen. Aber auch viele andere Dinge. Ich mache auch Yoga und schaue gern Filme. Ich mache mir viele Gedanken und möchte mein Engagement noch weiter ausbauen und irgendwann selbständig sein. Ich reise gerne, aber lieber im Kontext der Arbeit. Da lernt man das Land ganz anders kennen. Ich wohne übrigens hier in der selben Straße, seit 5 Jahren. Zugezogene Berlinerin also.

Ich sage: „ich bin Entwicklungshelferin.“

Dabei hasse ich das Wort Entwicklungshelferin. Warum sage ich sowas? Es gibt einfach keine gute Bezeichnung für meinen Beruf. Selbst zu sagen: „ich arbeite im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit“ kapiert niemand und ich auch dieses Wort mag ich nicht. Ich helfe dabei, etwas zu entwickeln? Ja! Tatsächlich helfe ich aktuell mit meinem Wissen und Engagement dabei, die Organisationsstrukturen von Ingenieure ohne Grenzen zu verändern. Arbeite ich mit jemandem zusammen, um etwas zu entwickeln? Ja! Ich arbeite zusammen mit Silas aus Ghana. Wir haben beide die Vision, dass sich unsere 20 Kids gut entwickeln können, während sie heranwachsen, auch wenn sie keine Eltern mehr haben. Trotzdem schmeckt mir der Begriff nicht, denn in Bezug auf Projekte in afrikanischen und asiatischen Ländern könnte es so wirken, als wäre “dort” noch so viel zu entwickeln, als müsste ich helfen, weil andere nicht entwickelt sind? Weil sie es nicht ohne mich schaffen? Wohin eigentlich schaffen? Damit es dort so wird wie in Deutschland? Weil dort alle arm sind und hier niemand (Spoiler Alarm: stimmt nicht! Weder “dort” noch “hier”)? Es fühlt sich auf jeden Fall komisch an, wenn ich es sage. Vermutlich weil ich selbst sehr kritisch gegenüber den Konzepten einiger Entwicklungshilfeorganisationen bin. Vermutlich, weil ich nicht so sein will.

Die zwei Herren, der eine der meine Haare gerade wäscht, und sein Kollege, scheinen direkt einen Bezug zu haben zum Begriff „Entwicklungshelferin“ und fragen mich, was ich von der UNESCO, UNO, UN halte? Ob sie nur so tun, als ob sie Gutes täten.

Ich denke, sie meinen, wie ich die Arbeit der UN einschätze und sage, dass ich nicht viele Projekte kenne. Dass ich aber gelesen und von Kollegen gehört habe, dass die UN ziemlich gut darin ist, Nothilfeprojekte zu koordinieren, zum Beispiel in den vielen Flüchtlingscamps weltweit.

Sie sind skeptisch. Erzählen von Daniel Glanser, einem Schweizer Historiker, der die UN stark kritisiert.

Als ich zu Hause bin, google ich Daniel Glanser. Von „Verschwörungsguru Ganser in München“ bis „Schweizer Historiker und Friedensforscher“ gibt es alles. Der Herr, der mein Haar schneidet und mich immer wieder ermahnt, dass ich stillhalten soll, hat viel von Ganser gelesen. Er schreibt unter anderem zu der UN und deckt auf, welche Geheimbünde und Interessen hinter verschiedenen Konflikten und Kriegen steckten und stecken. Er erwähnt unter anderem Syrien und Vietnam. Er erzählt von Dokus und Büchern. Oh. Ich habe vergessen zu erwähnen, wie mein Frisör aussieht. Mit sehr wenig Muskelshirt bedeckt, schneidet mir der Gute die Haare. Da mein Kopf sein Gesicht teilweise verdeckt, schneiden mir quasi zwei sehr muskulöse Arme die Haare. Entlarvt von meinen Vorurteilen ist es mir fast peinlich, dass ich überrascht bin, als er mir erzählt, dass er Soziologie studiert. Ich lerne dazu, meine Vorurteile sind hier also noch da.

Der Kollege von Herrn Soziologie fragt dann weiter: „Sind denn die Menschen im Sudan wirklich alle arm?“ Ich sage instinktiv „Nein“ und höre selbst in meiner Stimme Empörung. Ich fühle mich plötzlich, als müsse ich meine sudanesischen Freunde verteidigen, weil „arm“ ein Schimpfwort ist. Wobei ich gar nicht weiß, ob es ein Schimpfwort ist.

Ich möchte ihm weiter antworten: „Ich finde die Antwort Ja oder nein ist zu einfach. Und was genau meinst du mit Armut? Armut ist auch so ein Wort, was so irreführend ist. Wer und was definiert denn Armut? Sudan ist ein riesiges Land, es ist fast fünf mal so groß wie Deutschland. In jeder Ecke ist es anders. Es gibt in zwei Regionen Bürgerkriege, da haben die Menschen vielleicht genug zu essen und ein Dach über dem Kopf, aber müssen sich vor Angriffen oder Überfällen fürchten. Im Osten gibt es ab und an Grenzkriminalität zu Eritrea und Sudan, aber viele sind davon auch gar nicht betroffen, aber es herrscht hohe Inflation und manche müssen jeden Cent umdrehen, um über die Runden zu kommen. Im Norden ist Wüste, da gibt es sogar noch Nomaden und alte nubische Völker, die haben nicht viel, aber ich denke, sie würden sich selbst nicht als arm bezeichnen. In Khartoum gibt es wohlhabende und ärmere Familien, aber so ingesamt wirkt es wie eine recht moderne, saubere Stadt. Es gibt keine obdachlosen Menschen, wie in Berlin. Ich denke, dass sich insgesamt niemand der Personen, die ich kenne, als arm bezeichnen würde. Es gibt eher andere Probleme ….“

Ich antworte: „Ich würde nicht sagen, dass Armut das größte Problem ist. Ich denke, es waren eher die Jahrzehnte der Diktatur, die viele unterdrückt hat. Dagegen haben viele Menschen gekämpft.“

Das Gespräch ist vorbei. Meine Haare sind wieder kurz. Die zwei strahlen mich an und freuen sich, dass sie nun Feierabend haben.

Ich verabschiede mich mit „dann sehen wir uns in einem Jahr wieder“ und gehe mit einem sehr guten Gefühl nach Hause, überrascht über das Gesprächsthema und Fachwissen meines Frisörs und die gute Qualität der „Schnittzone“ in meiner Straße.

Zur Auswahl des Fotos: da ich absolut kein passendes, selbst geschossenes Foto zu diesem Text hatte, stöberte ich bei den von WordPress kostenlos zur Verfügung gestellten Fotos. Ich tippte in der Suchfunktion “Frisör” ein. Während des Scrollens und 1000 Fotos von ein und der selben rothaarigen Frisörin überlegte ich, ob ich wohl einfach das dümmste oder lustigste Foto aller Suchergebnisse nehmen sollte. So stellte ich eine Top 3 zusammen: 1. direkt ganz oben, zweites Foto: eine blonde Frau sitzt-liegt (man kann es kaum sagen) extrem unbequem in einem Frisörstuhl, hat die Beine angewinkelt, sodass man ihre total unbequem aussehenden Highheels sieht, hat ein zu kleines Martini-Glas, befüllt mit Rosé Sekt (wer hat sich das denn ausgedacht?) in der Hand und hinter ihr steht ein Mann, der vermutlich ihr Frisör ist (wtf?) – abgewählt, weil ich dumme Fotos nicht verbreiten möchte. 2. ein bärtiger großer Männerkopf, der eine Frisörschere in seinem Mund hat und dessen Gesicht mit Rauch oder Nebel verdeckt ist – abgewählt, weil nicht verstanden, aber skuril. 3. der Herr, den ihr da oben seht, der offensichtlich einen sehr schönen Haarschnitt seines Echthaares erhalten hat, dazu Kopfschmuck und auch noch Tages-Make-Up. Wow. – gewählt, weil Diversität einfach gefeiert werden muss.

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