Menschen ohne Heimat

März 2020

Meine Hose klebt an meinen Beinen und ich hasse es, wenn das passiert.

Gastbeitrag von Marwin Meier

Ich sitze eigentlich im Schatten, aber dieser ist nicht viel kühler als die Mittagshitze draußen. Ein Geflecht aus Bambusstäben wurde mit einer dicken Plastikplane überzogen und so entsteht eine Behausung für ein junge Rohingya-Familie, die im August 2017 vor den Soldaten der Tatmadaw floh, In der Behausung sitze ich und schwitze. Tatmadaw, so wird das Militär von Myanmar genannt. Rohingya, so wird hauptsächlich muslimisches Minderheitsvolk aus Myanmar genannt. Sie sind nur eine von mehr als 35 Ethnien in Myanmar, aber leider keine, die von der Regierung Myanmars anerkannt wird. 

Als ich mich auf meine neue Stelle in Bangladesch vorbereitete, las ich einiges über dieses schon erstaunlich lange unterdrückte Volk. Man findet viele, hauptsächlich englisch-sprachige Literatur. Seit vielen hundert Jahren leben die Rohingya im Nord-Westen des ehemaligen Burmas und seit der Unabhängigkeit des Landes von den Briten werden sie immer wieder verfolgt und verjagt. ‚Illegale Bangladeschis‘ werden sie von Myanmar genannt und ‚gewaltsam vertriebene Burmesen‘ von den bengalischen Behörden.

Keines der beiden Länder erkennt sie als das an, was sie eigentlich sind – Menschen ohne Heimat. Wie ich zu meinem Erstaunen lernen musste, hat Bangladesch (wie auch die Indien, Malaysia und Indonesien) die Genfer Flüchtlingskonvention nie unterzeichnet. Das führt dazu, dass den Menschen keine Sonderschutzstellung und damit zum Beispiel Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung ermöglicht werden.

So sitze ich mit der jungen Familie inmitten des größten Flüchtlingslagers der Welt, zwischen fast 1 Million geflüchtete Rohingyas in einer Bambushütte. Wir befinden uns in der Region um Cox’s Bazar, direkt an der Grenze zu Myanmar. Und ich soll helfen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu kämpfen, dass die Rohingya ihre Rechte erfüllt bekommen und es scheint eine unmögliche Aufgabe zu sein. 

Seit August 2017, zum Beispiel, gibt es für die ca. 450 000 Kinder in den Camps keinen Schulunterricht. Die bengalische Regierung sagt, dies sei nicht nötig, da ja alle bald wieder in ihre Heimat zurückkehren werden. Dabei beweisen Satellitenbilder, dass ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht wurden und Militärkasernen auf der verbrannten Erde errichtet wurden.

Ich lese, dass anfangs Rohingyas dafür bezahlt wurden, mit Schaufeln und Schubkarren Abwassergräben auszuheben. Dies ist inzwischen verboten, denn die geflüchteten Menschen in den Camps sollen kein Geld haben und auch kein Handy. Dies würde sie zu kriminellen Taten anstiften, sagen die Beamten der Regierung Bangladeschs. Darum gibt es auch kein Internet in den Camps. Die Telefonprovider mussten alle Datenverbindungen kappen, was die Koordination der Hilfsorganisationen und den Kontakt der vertriebenen Menschen mit Verwandten in Myanmar so gut wie unmöglich macht.

Und was sagt die 24-jährige Mutter dazu, die wir mit ihrem Mann und den fünf kleinen Kindern befragen? Sie ist einfach nur dankbar. Sie freut sich, denn heute wurde ihr Baby mit einem guten Gewicht aus dem Intensivernährungsprogramm von World Vision entlassen (mein Arbeitgeber). Den Kindern und der ganzen Familie geht es viel besser, sagt sie. Und – dies ist ihr besonders wichtig – hier in Bangladesch können sie fünf Mal am Tag ungestört ihre Gebete verrichten. Nein, das Leben in den Flüchtlingscamps sei viel viel besser, sagt sie unter ihrem schwarzen Schleier in der bleiernen Mittagshitze (und ich schwitze so stark, dass mein teures Outdoor-Hemd schon lange versagt hat und schlaff an meiner verwöhnten Haut klebt).

Ich frage die Eltern, ob sie denn noch mehr Kinder wollen. “Aber nein”, wird mir geantwortet, “Schon fünf Münder sind schwer satt zu bekommen.” Ich will sie fragen, wie sie denn dafür sorgen wollen, dass keine Kinder mehr kommen, aber meine blutjunge und erfahrene Kollegin und Übersetzerin schaut mich scharf an und weist mich auf meine ‚unschickliche‘ Frage hin, die ich natürlich sofort zurückziehe. Ich habe noch viel zu lernen und bin ja noch ganz am Anfang.

Was bleibt ist die Erfahrung von viel Dankbarkeit in einer Situation in der ich nur Mangel, Armut, Rechtelosigkeit und Unterdrückung sah. Was ist eigentlich Glück? Bin ich, weiß, gebildet, unabhängig, selbst bestimmt, sicher angestellt und mit dem besten Pass der Welt ausgerüstet glücklicher als diese Familie, die dankbar ist, dass das jüngste Familienmitglied wieder gut genährt ist und sie ihren Glauben ausleben können? Was ist Glück? Die Gedanken überschlagen sich. Ein herunter rinnender Schweißtropfen kitzelt mich und ich muss lachen. Und wir lachen alle. Die Kinder lachen. Meine übersetzende Kollegin lacht. Der Vater lacht. Mein schreibender Kollege lacht. Die Augen der Mutter lachen hinter dem Schleier. Wir Lachen. Einfach. Zusammen.

Das ist Menschheit genug in diesem Moment.

Blick über ein Flüchtlingscamp in der Nähe von Cox’Bazar, Bangladesch

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