Da wo der Tee wächst

Februar 2020

Dort wo der Tee in Massen wächst, aber niemals das Land verlässt.

Es war einmal das kleine Städtchen Sreemangal. Es befindet sich im Osten von Bangladesch, nur etwa 5 km bis zur indischen Grenze. Sreemangal sollte unsere dritte Station in Bangladesch sein, weil eine Freundin einer Kollegin es empfohlen hatte. So fuhren wir mit dem Zug hin. Eine entspannte Fahrt in einem alten Waggon mit grüner, unaufgeregter, sich wiederholender Landschaft, die an einem vorbeiflog. Wir wussten es bei Ankunft natürlich noch nicht, aber Sreemangal sollte unser neues Atbara werden. Ui Ui Ui, hier wird hoch gepokert. Das neue Atbara steht und fällt für mich mit unserem Gastgeber Tapas. Durch seine Bekanntschaft durften wir in eine kleine neue Welt eintauchen, die immer in unseren Köpfen bleiben wird. Genau wie Atbara würde Sreemangal nicht in den hunderten Reiseführern stehen, die man sowieso nicht in den Bücherläden über Bangladesch findet. Aber würde man diese Reiseführer finden, wäre Sreemangal vermutlich nebenbei erwähnt, aber sicher nicht die Hauptattraktion. In unseren Herzen war sie es.

Aber nun mehr zu der alles verändernden Bekanntschaft. Tapas ist in meinen Augen der wahre Bürgermeister der Stadt Sreemangal. Es ist nicht so als hätte ich den richtigen Bürgermeister je getroffen. Aber so wie Tapas stelle ich mir eine Person vor, die so einer Aufgabe würdig ist. Der oder die Bürgermeisterin als Meisterin der Bürgerinnen und Bürger. Tapas ist Geschäftsmann, aber Geschäftsmann mit einem sehr ausgeprägten Gemeinwohlsinn. Er war kaum älter als ich, hatte aber schon ein Gästehaus, ein Reisebüro, einen Teeverkauf und andere laufenden Geschäfte erfolgreich aufgebaut. Wir begegneten ihm mehrmals in den Straßen oder in der Nähe des Bahnhofes in Sreemangal und sahen ihn irgendwelche Gemeinwohl orientierten Projekte organisieren. Er war so der Typ Mensch, der sagt: „Ich denke der Müll auf den Straßen ist nicht gut, da sammeln sich Bakterien an und jemand, der das berührt, kann schneller krank werden. Ich schaue mal, wie man Mülleimer aus alten Kanistern herstellt, trommele eine Truppe zusammen, mache Plakate und in einem Jahr schmeißt keiner mehr Müll auf den Boden.“ Sehr inspirierend der Typ. Das war eben ein ausgedachtes Beispiel, aber so oder so ähnlich stelle ich mir seine Gedanken vor. So waren wir also glücklich, in seinem Gästehaus untergekommen zu sein. Mit Freude buchten wir auch bei ihm einen Tagesausflug, mit Freude kauften wir seinen Tee und mit Freude saßen wir abends mit ihm und seinen Freunden zusammen bei Speis und Trank und Musik. Musik verbindet. So auch an diesem einen Abend. Tapas lud uns ein, mit zu einem musikalischen Abend zu seinen Freunden zu kommen. Wir waren zu 10., saßen auf Sesseln, Hockern und auf dem Boden, zwei spielten Gitarre, andere sangen. Wir staunten, grinsten und klatschten. Es waren junge Menschen aus Bangladesch, die Offenheit, Toleranz, Ruhe und Herzlichkeit ausstrahlten. Frauen und Männer, Muslime und Hinduisten, Städter und Landeier, einige mit traditionellen anderen mit moderner Kleidung saßen um uns herum, sangen aus voller Lunge, tranken heimlich in der Küche Alkohol und nahmen uns mitten in ihren Kreis auf. Es war unser letzter Abend und gegen Mitternacht sollte unser Zug gehen. So brachten uns alle (!) noch zum Bahnhof und verabschiedeten uns wie alte Freunde. Mann, fühlten wir uns willkommen.

Auch willkommen hieß uns Mister Englisch. Mister Englisch hatte nicht tatsächlich den Nachnamen Englisch, aber wie er uns erklärte, gaben ihm seine Freunde irgendwann den Namen, weil er immer und überall und bei jeder Gelegenheit auf Englisch mit ausländischen Besuchern in Sreemangal ins Gespräch kam. Man könnte auch sagen, ein Gespräch aufdrängte und völlig für sich dominierte. Man merkte, er redete gerne, ohne Verlust auf Fehler. So auch mit uns. Mister Englisch schien auf den ersten Blick ein normaler ruhiger Typ zu sein, mit einem Obststand an der Straßenecke. Ein Typ, der einem einen Gefallen tut, aber danach auch einen Gefallen zurück möchte. Jemand, der einem am Bein klebt, bis man etwas kauft. Aber eben auf eine ruhige Art. Aber ruhig war er ganz und gar nicht. Und zwielichtig auch nicht. Er war ein neugieriger, positiver Mensch. Er verwickelte uns mehrere Abende in kurze Gespräche, bis er uns schließlich zu einem Tee einlud. Und dann zeigte er uns sein Buch. Das Buch war vermutlich das Heiligste in seinem Leben. Es ließ ihn strahlen und Geschichten sprudelten nur so aus ihm hinaus. Von seinen britischen Freunden, die schon mehrmals in Sreemangal waren, mittlerweile ein Kind geboren hatten und regelmäßig Briefe schickten, von den italienischen und niederländischen Gruppen, mit denen er zu Abend aß, von seiner chinesischen Freundin, mit der uns romantische Ausflugsfotos zeigte und vieles mehr. In seinem Buch hatten mehr Personen ihre Namen, Adressen und E-Mail Adressen eingefügt, wie ich Kontakte bei LinkedIn jemals haben könnte. Er war stolz darauf. Es war als ob er mit diesem Buch versuchte, die ganze Welt aufzusaugen und mit sich herumzutragen. Wir sollten auch Teil dieser Welt werden und nahmen uns vor, ihm auch eine Postkarte zu senden. Da ich jetzt diesen Text schreibe, 3 Monate später, soll das meine Erinnerung sein, dies zu tun 🙂

Und was hat Sreemangal noch zu bieten, außer nette Menschen? Natur und Kultur zum Beispiel. Irgendwie schwierig zu unterscheiden in Bezug auf den Teeanbau, ob es eher zu Natur oder eher zu Kultur gehört. Tee wuchs nicht natürlich in Bangladesch, aber durch die Kolonialisierung durch Großbritannien kam der Tee nach Bangladesch und wurde mit der Zeit zu einem täglichen Lebenselixier. Da Bangladesch sehr viele Menschen beherbergt, die dieses Elixier gerne jeden Tag mehrmals zu sich nehmen, und weil Bangladesch auch die klimatischen Bedingungen dafür hat, entwickelten sich riesige Teeplantagen. Überall, wo man hinschaut, in der Region rund um Sreemangal sind Teeplantagen, dunkelgrüne kleine Büsche, die eng aneinander stehen und sich über eine leicht hügelige Landschaft ausbreiten. Ich muss ehrlich sein, ich hätte weder erkannt, dass es sich hier um Teeplantagen handelt, noch um welchen Tee. Und ich muss auch ehrlich gestehen, dass ich nicht mal wusste, dass schwarzer und grüner Tee von ein und der selben Pflanze kommt. Wusstet ihr das? Stimmt aber. Die Blätter, die getrocknet werden, werden zu grünem Tee verarbeitet, die Blätter, die fermentiert werden, werden zu schwarzem Tee verarbeitet. Interessant ist auch, dass wie oben beschrieben, der Tee es gar nicht nach außerhalb von Bangladesch schafft. An den 160 Millionen EinwohnerInnen kann sich kein Teekrümelchen heimlich vorbeischleichen und über die Grenze huschen. Deshalb haben wir natürlich zugegriffen und als Mitbringsel ein paar Tees eingekauft. Neben Tee wachsen in dem tropischen Klima auch Zitronen, Auberginen, Ananas und viele andere Leckereien. Und Reis. Weil Wasser. Wer also an die mega krass coolen Reisplantagen auf Bali denkt und seine Instagram-Augen schon aufleuchten sieht, in Bangladesch wird auch Reis angebaut. In Vietnam auch. In Thailand auch. In Ghana auch. Langweilig irgendwann denkt man, aber nein. Ich weiß nicht warum, aber Felder, die in Wasser getränkt sind, auf denen hier und da ein Büffel steht und sich die Sonne spiegelt, haben komischerweise eine magische Anziehungskraft auf mich. Auf euch auch? Diese Büffel haben wir auch gesehen. Aber nicht nur einen, sondern eine ganze Horde. Gerade auf dem Heimweg vom Feld, liefen oder schwammen die grazilen Dickhäuter in einem kleinen Fluss gen Heimat. Als hätte sie jemand dort platziert, um die schönste Naturdoku von Bangladesch zu filmen, schwammen sie an uns vorbei. Videos kann ich mal bei Facebook teilen, sieht magisch aus. Reis und Büffel – magisch für Theresia. Wie einfach.

Mit diesem einfachen Lächeln in meinem Gesicht, den allein die Erinnerungen hervorrufen, belasse ich es. Sreemangal muss man erlebt haben. Die Menschen, die wir getroffen haben, haben es einzigartig gemacht. Fahrt unbedingt hin, wenn ihr mal da seid.

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