Im Zug durch die Sahara

Mai 2018

Im Zug durch die Sahara… dachten wir. In Atbara 3 Tage wartend. Mit Hoffnung, Freude, Enttäuschung und heute den schönsten Erinnerungen.

Atbara sollte nur ein kleiner Stopp auf unserer Reise sein, zufällig auf dem Weg, zwischen den Pyramiden in der Sahara und dem Meerblick in Port Sudan. Gab ja nur eine Straße. Atbara wurde aber etwas ganz anderes. Wir verbrachten 3 anstatt 1 geplanten Tag in Atbara, verbrachten die meiste Zeit am Bahnhof und hatten so viel Kontakt zu uns vorher fremden SudanesInnen wie noch nie. 

Alles fing damit an, dass wir aus unserer Unterkunft, die uns ein Freund besorgt hatte, aus dem Fenster sahen. Wir sahen ewig viele Schienen und ewig viele alte Zugwaggons. Ich fragte meinen Freund Google und siehe da, Atbara war im 19. Jahrhundert ein Dreh- und Angelpunkt des sudanesischen Güterverkehrs. Die Zugstrecken dienten als günstigere Alternative zum Transport auf dem Nil von Süd nach Nord und andersherum. Wie bereits zuvor erwähnt, lag Atbara zwischen der Hauptstadt Khartoum, auf dem Weg nach den Pyramiden vorbei nach Port Sudan, dem einzigen und großen Hafen des Sudans. Außerdem ging noch eine andere Strecke von Atbara ab, nämlich weiter nach Norden nach Ägypten. Auch ganz praktisch und sicher wirtschaftlich wichtig früher für den Handel.

Wir gehen spazieren und laufen die stillgelegten Schienen zwischen dem Bahnhofs-Friedhof entlang. Meine zwei Zug-liebenden-Mitreisenden sind aus dem Häuschen! Wir entdecken auf vielen Zügen deutsche, englische und französische Schriftzüge bzw. Firmennamen und fragen uns, was es damit auf sich hat. Wir fragen uns auch, ob hier eigentlich auch heute noch Züge fahren. Wir treffen auf ein paar Personen, die uns weiter nach vorne zum Bahnhof verweisen. Ein Bahnhof klingt schon mal vielversprechend. Als wir näher kommen, sehen wir auch Personen am Bahnhof warten, da scheint es Bewegung zu geben am Rande des Friedhofs. Wir finden heraus, dass hier ein Schnellzug zwischen Khartoum und Ägypten hält, es aber keinen Personenzug nach Port Sudan gibt, unserem nächsten Ziel. Es gibt nur Güterzüge, wird uns gesagt. Vermutlich noch etwas wirr im Kopf durch den Spaziergang durch den mystischen Zugfriedhof kommen wir auf eine absolut gute Idee. Wieso könnten wir nicht mit dem Güterzug nach Port Sudan fahren. Diese Idee wird uns weit bringen, zwar nicht weit mit dem Zug außerhalb von Atbara, aber weit in Bezug auf Menschen, Geschichten und Kontakte in Atbara. Kurz gefasst: Wir besuchen ein Zugmuseum, sitzen mit dem Präsidenten des Nord-Sudanesischen Güterverkehrs zu einer Tasse Tee in seinem Büro, machen eine Führung durch alle Büros des Bahnhofs, sitzen 2 Stunden lang mit Sack und Pack in einem Güterzugabteil, machen eine kostenlose Führung um bzw. in eine Moschee (nur Marwin darf rein), bekommen ein Buch geschenkt und haben viele Tees, Kaffees und Gebäck mit Einheimischen.

Selbstverständlich wird während dieser ganzen Begegnungen auch unser Wissen zum Güterverkehr im Sudan, speziell in Atbara, noch etwas erweitert. Wir erfahren, dass der Zugfriedhof deshalb ein Friedhof ist, da der Diktator Al Bashir seit seiner Herrschaft vor 30 Jahren keine Investitionen mehr getätigt hat und durch die Sanktionen der USA keine Möglichkeit besteht, aus anderen Ländern Ersatzteile für die Züge zu bekommen. Warum der Friedhof so international ist, fragen wir. Durch die Kolonialisierung natürlich. Anfangs las ich ja bei meinem Freund Google, dass die ganzen Zugstrecken Anfang des 19. Jahrhunderts stark ausgebaut wurden und die nächsten knapp 100 Jahre viele Waren durch das Land und Nordafrika trugen. Im Zugmuseum erfahren wir, dass Ende des 18. Jahrhunderts auch Sudan den britischen – nach Macht und Territorium ächzenden – Kolonialherren zum Opfer fällt. Englisch-ägyptisch-Sudan heißt die Region zu diesem Zeitpunkt und wird vor allem als Alternative zum Suez-Kanal strategisch als vorteilhaft erachtet und ist im Bezug auf Öl auch nicht uninteressant. Um nicht nur Halbwissen abzurufen, welches ich vor knapp 2 Jahren von unterschiedlichen Personen in Atbara aufgeschnappt habe, recherchierte ich noch ein bisschen dazu und stieß auf ein wissenschaftliches Archiv aus den 1920er Jahren, welches die britische Kolonialherrschaft beschreibt.² Der alte Museumsbesitzer in Atbara, dessen Haare ein bisschen wie die von Albert Einstein aussehen und perfektes Englisch spricht, zeigt uns sogar einen im Vorgarten des Museums stehenden 120 Jahre alten Waggon, der wohl einer der ersten auf der Zugstrecke zwischen Khartoum und Atbara war. Aber das Museum hatte noch mehr zu bieten – sehr witzige Artikel der Zugunternehmens-eigenen Zeitung zum Beispiel. In einem wurde detailliert der sehr wichtige Umstand dargestellt, dass die Verteilung von Zuckerrationen in der Bevölkerung genau ausgerechnet und gerecht von statten geht. Die 25.000 Tonnen Zucker im Jahr sind genausten auf die 6 Millionen Einwohner Sudans verteilt und niemand braucht sich Sorgen machen. So so. Da hat sich wohl jemand beschwert und es gab Gerüchte, die direkt aus dem Weg geschafft wurden. Und nun der letzte Funfact zum Zugmuseum (ich habe wohl noch nie so ausführlich über ein Museum geschrieben) – das Museum befindet sich in einer ehemaligen Kirche. Sieht man von außen noch, aber von innen wird es übertüncht von ewig vielen Bildern, Fahnen, eingerahmten Zeitungsartikeln und diversen Gegenständen. Wer also mal in Atbara ist – das Museum sollte man in keinem Fall verpassen 😛

Übrigens: Die Güterzugfahrt, die der eigentliche Grund für unseren langen Aufenthalt in Atbara war, wurde leider nichts. Die Polizei bekommt wohl irgendwann Wind von den drei „Weißen“, die in Atbara umherirren, Stunden auf dem Bahnhof verbringen und eine große Mission haben. Sie halten uns kurz vor Start von dem großen Abenteuer, was wir uns bereits ausgemalt haben, ab und wir winken dem abfahrenden Zug hinterher. In meinem Kopf sind wir allerdings von Atbara nach Port Sudan mit dem Zug gefahren. In den Stunden der Warterei hat mein Kopf so viele Vorstellungen von der Fahrt und Wunschbilder erzeugt, dass es sich fast so anfühlt, als hätten wir es tatsächlich geschafft. Wenn ich heute daran denke, spüre ich den warmen Wind, der während der langsamen Fahrt durch die Sahara in unsere Gesichter bläst, spüre die Rückenschmerzen, die einen am Morgen nach der unbequemen Nacht wie 80 fühlen lassen und sehe mich zum 17ten mal kläglich versuchen, in die Hängematte reinzukommen.

Da ich die Schwärmerei noch etwas ans Äußerste bringen möchte, damit ihr nach diesem Text direkt einen Flug in den Sudan und eine Zugfahrt nach Atbara bucht, weil ihr es gar nicht aushaltet, dort nicht gewesen zu sein, helfe ich mit einem letzten Erlebnis nach. Der Markt in Atbara. Wow. Wow. Wow. Einige von euch werden wissen, dass ich Märkte liebe. Die Farben, die Gerüche, die Menschen, das Gewusel. Gut abgepasst, ist an diesem Tag auch Markt in Atbara. Ich vermute gerade, wenn ich so drüber nachdenke, dass vermutlich jeden Tag in Atbara Markt ist und dort einfach jede/r ihre Lebensmittel kauft, anstatt verpackt im Supermarkt, aber sei es drum. Wir haben also Glück, rede ich mir gerne ein und es ist Markt. Es ist noch früh am Morgen und recht leer, die Sonne wirft ein zauberhaftes Licht durch die durchlöcherten Planen, mit denen viele Marktstände überdacht sind und bringt die bunten Marktfarben noch mehr zum Leuchten. Es gibt alle möglichen Gewürze, die man sich vorstellen und nicht vorstellen kann. Die meisten davon erkenne ich natürlich nicht. Als kleines Stadtkind, dass auch nicht zufällig eine Starköchin ist, kenne ich Gewürze eher in zerkleinerter, trockener Form im Gewürzregal. Es ist in jedem Fall wunderschön über diesen Markt zu schlendern. Wir finden einen leckeren Imbiss mit besten vegetarischen Speisen, Marwin geht zu einem Barbershop, Esther und ich landen bei einer Familie zu Hause und lassen uns die Hände mit Henna-Tattoos bemalen und so gehen die Tage hin, bis wir Atbara verlassen. Schön war es!

² https://www.jstor.org/stable/40414702

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