Zuckerfest im Sudan

Mai 2020

Heute vor 2 Jahren war ich beim Ramadan mittendrin, statt nur dabei.

Heute vor 2 Jahren war ich im Sudan, wie viele wissen. Dort war ich selbst ein kleiner Teil von einem großen Fest – Ramadan. Für alle, die gerade dieses „Fest“ nicht einordnen können – denkt an Weihnachten. Behaltet Eure Weihnachts-Gedanken im Kopf und lest weiter.

Im Sudan sind die meisten Menschen Muslime. Für sie ist der Monat Ramadan und das Zuckerfest (oder Fastenbrechen) am Ende des Monats Ramadan wie für Christen Weihnachten ist – nämlich etwas ganz Besonderes, etwas Heiliges, in dem man sich besinnt, Zeit mit seinen Liebsten verbringt und GANZ VIEL ISST. Da Ramadan einen ganzen Monat und nicht wie Weihnachten nur knapp 1 Woche dauert, muss man natürlich die Fressorgien etwas portionieren. Deshalb isst man nicht wie beim christlichen Weihnachtsfest 6 Mal am Tag je 2 Teller voll, sondern nur jede Nacht nach Sonnenuntergang und natürlich dann nochmal so richtig zum Zuckerfest.

Spaß beiseite. Neben Parallelen zu erhöhtem Risiko der Gewichtszunahme nach diesem Fest, die ich zur Weihnachtszeit sehe, versuchte ich tatsächlich etwas genauer zu verstehen, was da gefeiert wird. Ich saß ja an der Quelle und fragte meine KollegInnen. Anders als der deutsche Chef vor Ort, der seine hohe Position nicht darin sah, die Basics zur vor Ort herrschenden Kultur zu verstehen, wusste ich bisher bereits ein paar Fakten: Ramadan dauert mehrere Wochen an, ist meistens um den Mai herum und es wird tagsüber gefastet. Das ist auch der Grund, warum viele Muslime die Zeit um den Fastenmonat herum Urlaub einplanen. Vor allem in sehr heißen Ländern oder in Ländern, wo die Tage durch die Sommerzeit seeeehr lang sind, ist die fehlende Nahrung und Wasser nichts für schwache Nerven und den Kreislauf.

Meine KollegInnen erzählten und mir blieben 3 weitere Aspekte im Kopf:

  1.  „Im Fastenmonat ist der Koran erschienen.“ Nicht als Prime-Angebot bei Amazon oder neues Buch auf der Spiegel-Bestseller-Liste. So wie ich es verstanden habe, glauben Muslime daran, dass vor vielen vielen Jahren, der Koran von Gott an den Propheten Mohammed übergeben wurde. Es war also der Zeitpunkt, ähnlich wie im Christentum als Jesus geboren wurde, in welchem sozusagen die göttliche und die menschliche Sphäre aufeinander trafen. Und deshalb, so sagen meine KollegInnen, fühlt man sich während des Ramadan Gott näher und besinnt sich nochmal etwas mehr an seinen eigenen Glauben.
  2. „Das Fasten soll einen lehren, das was man hat, wertzuschätzen.“ Fasten ist Verzicht, sogar auf etwas sehr essentielles, auf Essen und Trinken. In einer Zeit, in der man selbst Hunger und Durst verspürt, soll es einem leichter fallen, wertzuschätzen, was man hat. Damit einhergehend ist der dritte Punkt, der mir stark im Kopf geblieben ist:
  3. „Während des Ramadan soll man andere, die nicht so viel haben, einladen oder ihnen etwas abgeben.“ Das wurde in meinem Umfeld sehr stark gelebt. Es gab im Sudan kaum obdachlose Menschen, wirklich sehr wenige. Aber es gab welche und es gab Menschen, die in sehr ärmlichen Behausungen lebten und von der Hand in den Mund lebten. Überall, wo ich zum abendlichen Fastenbrechen eingeladen war, waren auch obdachlose oder weniger wohlhabende Menschen eingeladen und aßen und tranken ganz selbstverständlich mit.

Obwohl hierin natürlich viele religiöse Aspekte verbunden sind, die ich als Nicht-Christin und Nicht-Muslimin nicht ganz so gut nachvollziehen kann, mag ich einige Teile davon.

Aus Solidarität und vermutlich auch zu einem großen Stück aus Abenteuergeist versuchte ich mich dann auch im Fasten. Ich wollte eine Woche mitmachen und von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nichts essen. Für das Trinken habe ich mir ein kleines Schlupfloch gebaut – 0,5 Liter Wasser am Tag ist erlaubt.

Tag 1, 11 Uhr, keeeein Problem. Ist das leichter, als man denkt. Hab gar keinen Hunger.

Tag 1 14 Uhr: Mein Bauch knurrt, ich spüre wie ich nervös werde, ich gehe in die Küche und trinke mein nicht-so-Ramadan-konformes Glas Wasser und fülle meinen Magen. Ich rede mir ein, dass das gegen den Hunger hilft.

Tag 1 14:15 Uhr: Es hilft nicht gegen den Hunger!

Tag 1 16:00 Uhr: ich schaue minütlich auf die Uhr.

Tag 1 17:00 Uhr: Danke, dass wir uns so nah am Äquator befinden und pünktlich 18 Uhr die Sonne untergehen wird.

Tag 1 17:30 Uhr: Wir fangen an, draußen Tische und Stühle aufzustellen. Vorfreude!

Tag 1 18:00 Uhr: Fastenbrechen, mit allen KollegInnen vor dem Büro. Mit einer Dattel. Wow.

Tag 1 19:00 Uhr: Es blieb nicht bei einer Dattel. Sie ist nur der traditionelle Anfang. Danach gibt es viele leckere gemüsige, fleischige, käsige und brotige Sachen.

Tag 1 23:55 Uhr: Kurz vor dem Schlafen gehen, esse ich nochmal was. Totaaaal gesund.

Tag 2 4:00 Uhr: Der Wecker klingelt, ich habe Angst vor Tag 2 und esse eine Banane. Lege mich dann wieder schlafen.

Tag 2 7:00 Uhr: Alles beginnt wieder von vorne.

Es war interessant, schwierig für mich, hat mir Energie geraubt, ich wurde in der Zeit nicht besinnlich und habe nicht mehr als sonst über meinen Glauben nachgedacht, ich habe die Abende mit den KollegInnen genossen, ich habe etwas dazugelernt, ich habe neue Speisen ausprobiert und ich habe mich gefreut, wenn ganz selbstverständlich vorbeilaufenden Menschen zum Mitessen eingeladen wurden und dies auch getan haben.

Das war meine Ramadan-Erfahrung. Hat mir gefallen!

In diesem Sinne: Ein frohes Zuckerfest an alle Muslime und Muslima, die das lesen!

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