Ying und Yang

Mai 2019

Ying und Yang ist falsch geschrieben, aber die Philosphie entgegengesetzter, sich ergänzender Prinzipien.

Eine sehr zufällige und eigentliche egale Begegnung veranlasst mich heute zu diesem Text. Wut und Liebe. Zwei Gefühle, da geht noch jeder mit. Meine Gesprächpartnerin sagte, für sie seien diese zwei Gefühle essentiell für ihren Tatendrang. Nur wenn man Wut zulässt und ergründet und dann Liebe zumischt, kann Großartiges entstehen.

Schon auf dem Nachhauseweg spürte ich es, ich muss heulen. Aber warum? Es platzt fast aus mir heraus. Ich laufe schneller, hoffe dass mich niemand anspricht, konzentriere mich auf meine Gesichtszüge, wünsche mir eine Sonnenbrille zu haben und gehe den kürzesten Weg. Ich weiß eigentlich warum, aber ich verstehe es nicht.

Es ist wieder diese eine Situation. Diese eine Person, die mir irgendwo begegnet, auf dem Nachhauseweg, im Urlaub, auf einer Zugfahrt. Es ist das 6-jährige asiatische Straßenkind, was mich anbettelt, es ist der schwarze Schmuckhändler, der mir hinterherläuft, es ist die 15-jährige Prostituierte in Äthiopien, die an mir vorbei die Aufmerksamkeit meiner männlichen Kollegen zu erhaschen versucht. Ich falle aus meiner Hülle. Aus meiner Hülle, die sonst ganz gut funktioniert. Sonst, weil ich vermutlich weiß, das ich etwas tun kann. Sonst, weil ich in einer Organisation arbeite, die die Menschen unterstützt, die ich treffe. Sonst, weil ich gar nicht den Anspruch habe, jedem zu helfen. Mein Anspruch befindet sich irgendwo zwischen 1 Person, einem Tier und allen Lebenwesen, denen ich mit meiner Arbeit und meiner Lebensweise Gutes und nichts Schlechtes tun möchte. Ich bin irgendwie hier gelandet auf diesem Fleck Erde und fühle mich genau richtig. Ich fühle mich genau richtig, bis ein kleiner Augenblick alles zerplatzt.

Und dann trete ich zur Tür herein, bin froh dass niemand da ist und weine. Wie vor 2 Jahren als meine Katze gestorben ist. Jeder der mich kennt weiß, oha, so sehr also. Ja, so sehr! Und irgendwann ordnen sich meine Gedanken. Das Kind! Der Bettler! Der Drogendealer! Die Prostituierte! Und mir fallen plötzlich alle Dokumentationen, Geschichten und Statistiken ein, die mir vor Auge führen, wie viele durchs Raster fallen, die einfach nie Unterstützung erfahren werden, weil an ihnen vorbei geguckt wird. Weil jemand denkt, sie hätten es so verdient. Weil sie jemand verachtet und sagt, sie seien selber schuld. Und deshalb weine ich. Nicht, weil ich in dem Moment die Person bin, die nicht helfen kann (ja, ich habe vermutlich ein Helfersyndrom.) Sondern weil ich diese Unmenschlichkeit und den Egoismus nicht verstehe. In mir baut sich durch solche mini kleine Begegnungen, die mir wahrscheinlich schon tausend mal begegnet sind, eine Wut auf die Welt auf. Ich bin dann wütend auf Menschen, die nicht nur weggucken, sondern die es gar nicht erst merken. Noch wütender bin ich auf  die Menschen, die hingucken und denen die nichts haben, auch noch die Würde nehmen. Aber es geht eher weniger um einzelne, sondern um die Masse. Die Masse, die danach strebt, schön, reich und angesehen zu sein. Und dabei vergisst, nach links und rechts zu schauen, ihr Handeln zu hinterfragen und Solidarität zu zeigen. Solidarität bedeutet oft erstmal, etwas abzugeben, auf etwas zu verzichten oder sparsamer zu leben. Vermutlich haben dazu die meisten keine Lust. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so recht. Die Masse ist oft recht solidarisch zu ihren engen Freunden, zu ihren Geschwistern und ihren Eltern. Es ist nicht so, dass ich denke, niemand außer mir ist empathisch oder freundlich oder großzügig. Ganz im Gegenteil, ich kenne eigentlich niemanden, der wirklich ein Arschloch ist. Trotzdem geht es über meine Vorstellungskraft hinaus, was daran so schwer ist, ein paar eigene Vorzüge des Lebens abzuflachen, um anderen welche zu gewähren. Ich bin ehrlich gesagt selbst noch nicht ganz sicher, ob das wirklich der Grund ist, solcher Heul-Wut-Flucht-Ausbrüche meinerseits, aber das ist bisher so, wie ich es ganz gut erklären kann.

Ich begann mit Wut. Und wo ist die Liebe? Die Liebe lässt gottseidank nicht lange auf sich warten, zumindest bisher. Meistens verstehe ich in solchen Situationen selbst nicht ganz genau, was los ist. Aber oft versteht mich jemand anders. Irgendjemand lässt mich verwirrend meine Gedanken und Gefühle im Monolog erzählen, hört mir zu und denkt zu wissen, worauf ich hinaus will. Das waren in den letzten 5 Jahren immer wieder andere Personen und jeder ist etwas anders mit mir umgegangen. Aber alle haben es geschafft, meine Wut in Liebe zu verwandeln. Denn letztlich ist es ja dieser „Weltschmerz“, wie ich ihn manchmal nenne, der mich antreibt. Natürlich gab es damals andere Auslöser, dass ich mich überhaupt im sozialen Bereich engagiert habe und ich tanke extrem viel Kraft aus positiven Momenten. Aber vor allem diese Wut-Momente machen mich meistens stärker. Ich hinterfrage mich dann: Warum hat genau diese Person so eine Emotion in mir ausgelöst? Warum ist das denn gerade heute passiert? In dem Moment? Und dann setzt sich wieder ein neues Puzzle in meinem Universum zusammen. Ich nehme mir danach oft Zeit für mich, denke viel nach, mache Sport, rede darüber, schreibe darüber und tanke Kraft. Das mache ich natürlich sonst in meinem Alltag viel zu wenig, wie alle wissen. Und dann setze ich mich hin und schreibe mir auf eine Liste, wie ich dazu beitragen kann, dieses stellvertretende 6-jährige Kind in Zukunft bei einer Familie zu wissen als auf der Straße, den Afrikaner das nächste Mal in Lederhose aus dem Fest mitfeiern zu sehen und die Prostituierte als starke und unabhängige Frau wiederzutreffen. Natürlich setze ich nicht alles direkt um und glaubt mir, diese Liste wird länger und länger. Manchmal sind es auch eher Kleinigkeiten, wie zum Beispiel, eine Organisation zu unterstützen, die Straßenkinder rettet, jedem zweiten Obdachlosen ein Lächeln und einen Cent zu schenken oder mich einfach über bestimmte Themen mehr zu informieren und anderen davon zu erzählen. Das ist dann der Tatendrang, der aus Wut Liebe machte. Danke Wut, dass es dich gibt. Denn sonst würden mich wahrscheinlich gar nicht so oft Leute fragen, woher ich denn eigentlich die Energie nehme, mich hier und da zu engagieren. Aus meinem extrem erholsamen Schlaf zumindest nicht. Vielleicht ein bisschen vom Yoga, ganz viel von meinen Lieblingsmenschen, aber eben auch aus solchen dummen, mir meistens peinlichen Heul-Momenten. Ich kann mir vorstellen, dass ihr das auch manchmal habt. Und ich kann nur empfehlen, das mal rauszulassen, mit jemandem drüber zu reden, zu recherchieren und zu überlegen, was man denn eigentlich Positives damit machen kann. Also ran an die Listen, die wir doch auf Arbeit auch so gerne alle füllen, und euch für euer eigenes Leben einen kleine solidarischen Fahrplan aufschreiben.

Und warum heißt der Text nun eigentlich Ying und Yang? Mein Mitbewohner brachte mich drauf und ich dachte, es macht irgendwie neugieriger auf den Inhalt des Textes, musste aber auch erstmal googlen, um hier keinen Mist zu erzählen. Mein Freund Google sagt, es heißt Yin und Yang, also ohne g. Gut, schon mal was gelernt. Yin und Yang ist ein Begriffspaar, was aus einer chinesischen Philosophie stammt. Es beschreibt zwei sich entgegengesetzte Prinzipien, die aber doch zusammengehören. Wie in meinem Beispiel eben Wut und Liebe. Mein Bekannter Wikipedia sagte weiter, dass für Yin und Yang ein Haufen Beispielpaare genannt werden können, wie weiblich und männlich, schwach und stark, passiv und aktiv als meist genannte, jedoch im Vordergrund steht, dass es dabei keine Über- oder Unterordnung gibt, sondern beide in gegenseitigem Bedingen zusammengehören und gleichwichtig sind. Ich persönlich denke zwar, dass Liebe wichtiger als Wut sein sollte. Allerdings bin ich auch nicht der chinesische Philosoph, der sich das ausgedacht hat. War aber dennoch ein ganz interessanter Exkurs zum Ende meines doch recht schweren Textes.

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