März 2018
Nun weiß ich was Off-Road bedeutet.
Unser erster Road Trip in Sambia brachte uns in die Nähe des Lower Sambesi Nationalparks, an eine Lodge mit Camping Platz mit Blick auf den Fluss Sambesi und das gegenüberliegende Simbabwe. Dank Neben-Saison waren wir die einzigen Gäste und hatten einen zuvorkommende 10-köpfige Mannschaft, die sich um uns kümmerte, einen Pool für uns und als Überraschung noch ein Nilpferd, welches nachts 2 Meter an unserem Auto und Dachzelt vorbeischlürfte. Wahnsinns-Gefühl! Weiteren Tieren begegneten wir auf einer kleinen Safari-Tour und ich konnte mir selbst den Wunsch erfüllen, Zebras in freier Wildbahn zu sehen. Diese Tiere sind einfach nur wunderschön!
Aber all das beeindruckte uns nicht so sehr wie ein anderer Teil unseres Ausfluges – nämlich die Anreise. 2,5 Stunden sagte Google Maps. Gerade normale Straße, sagte die Freundin, die schon einmal da war. So fuhren wir mit einem geliehenen Jeep los, wobei es sowohl für Jocelyne als auch für mich die erste Fahrt in einem Jeep mit Allradantrieb war. Diese Information ist sehr wichtig für folgende Geschichte:
Die Sonne schien, wir fuhren aus Lusaka raus, entlang einiger Dörfer mit abwechselnd asphaltierter und erdfarbener breiter Straße. Die Musik war gut, das Navi funktionierte. Wir quatschten, wechselten uns mit dem Fahren ab und manövrierten uns, zunächst ab und zu, vorsichtig über größere Schlaglöcher, quasi in Zeitlupe, damit das Auto heile bleibt. Solche Straßen kannten wir beide aus anderen Reisen. Die Schlaglöcher hinterlässt nun mal die Regenzeit, die in diesem Breitengrad sehr stark sein kann. So fuhren wir weiter. Weiter weg von der Stadt, immer weniger Menschen begegneten uns, fuhren wir eine schmalere Straße entlang, mit atemberaubenden Blick – eine hügelige Landschaft mit üppiger Pflanzenwelt. Das ist der letzte positiv atemberaubende Augenblick, bevor ich mich an die nächste Szene erinnere.
Vor uns ist ein trockenes Flussbett. Es scheint, als ob bereits einige andere Fahrzeuge passiert sind, also versuchen wir es auch. Bis auf einen zweiten Anlauf auf der anderen Seite des Flusses, da die Erde etwas rutschig ist und wir nicht (!) wissen, wie man den Vierradantrieb so richtig nutzt, klappt aber alles gut. Wir fahren weiter, sind erleichtert und zoomen das Navi etwas weiter ran. Wir denken, den Fehler zu erkennen. Wir haben wohl eine kleine Abzweigung verfehlt und sind auf einer kleinen Nebenstraße gelandet. Laut Google Maps müssten wir in circa 500 Metern wieder auf die normale Straße kommen. Kommen wir nicht. Wir kreuzen keine andere Straße, die Straße wir enger und auf dem Mittelstreifen das Gebüsch höher. Wir werden unruhig.
Das ist der Moment. Der Moment an dem man merkt, dass etwas nicht stimmt. Wir versuchen uns gegenseitig zu beruhigen und die Anzeige von Google Maps, dass ja gleich die normale Straße kommen sollte, schafft das auch für weitere 10 Minuten. Der nicht vorhandene Handyempfang wiederum bewirkt das Gegenteil. Da es nur eine einspurige Straße ist, ist umdrehen bisher keine Option. Bisher. Bis jetzt. Unsere Spur (die Bezeichnung Straße ist mittlerweile nicht mehr so korrekt) verwandelt sich vor uns in eine steile, mit Löchern durchzogene “Spur” (ich weiß nicht, was für eine Art Weg eine noch schlechtere Spur als Spur bezeichnet). Wir steigen aus, laufen etwas vor, inspizieren die Straße, laufen in verschiedenen Richtungen, um Empfang zu bekommen. In der Ferne, vor uns, in Richtung unserer Straße, sehen wir einen Mast. Da muss es Empfang geben, und sicher auch ein paar Menschen, die wir fragen können. Aber wir sind unsicher. Wir messen das Auto aus, messen den Weg ab und stellen fest – umdrehen ist keine Option. Scheiße! Zu unserem Glück ist es bereits 16 Uhr und wir wissen, wir haben noch eine Stunde, bis die Sonne untergeht. Kurze Rede, langer Sinn (wirklich langer, langer Sinn, es hat sich wie Stunden angefühlt, nervenaufreibende Stunden!): wir versuchen es!
Michael Jackson soll die Aufregung etwas senken, schafft er auch. Wir machten also laut Musik an, ich am Steuer, Jocelyne auf dem Beifahrersitz. Augen zu und durch, denke ich. Natürlich mit weit aufgerissenen Augen fahre ich los und wir führen den folgenden Ablauf circa 5 bis 8 Mal durch: ich fahre, wir bleiben stecken, rutschen, ich: Handbremse anziehen und auf der Bremse bleiben, mein Bein zittert, Jocelyne steigt aus, holt Steine und Gestrüpp, platziert es unter allen vier Rädern, auf ihr Kommando fahre ich mit Vollgas weiter hoch. 5 Meter, gleiches Spiel. Verschwitzt, dreckig und mit Bluthochdruck kommen wir oben an. Gottseidank. Dachten wir. Einige Minuten fahren wir auf recht gerade Strecke. Der Empfang kommt nicht zurück, ein Dorf oder Menschen treffen wir auch nicht. Das Navi haben wir mittlerweile eh schon verteufelt. Wir fahren einfach weiter, so lange es geht.
Es geht teilweise in Schritttempo weiter. Einer läuft vor, meistens Jocelyne, schaut sich die Straße an und lotst mich weiter. Die Schwierigkeit ist nicht mehr die Steigerung, sondern die tiefe Fuhre zwischen den Rädern. Die sogenannte “Spur”, die wir entlang fahren, ist tatsächlich genau eine Spur. Der Bereich zwischen den Rädern, der normalerweise bei einer Straße oder einem Weg vorhanden ist, ist unterspült. Wir machen so weiter bis es schon länger dunkel ist und wir erneut vor einem trockenen Flussbett stehen. In der Dunkelheit zu gefährlich, wir befinden uns laut Google Maps (dem glauben wir eh nichts mehr) kurz vor der Lichtung aus dem Gestrüpp, aber wir wollen es nicht riskieren. Wir bleiben mitten auf dem Weg, der mittlerweile wieder eine ebene, undurchtrennte Spur ist, stehen. Gottseidank haben wir ein Dachzelt, eine Flasche Rotwein, Brot, gekochte Eier und Gurken. Mensch – sind wir gut für einen 12-stündigen Wildnis-Trip ausgestattet. Nicht. Der Rotwein ist allerdings Gold wert. Wir lesen laut aus unseren E-books vor, um uns etwas auf andere Gedanken zu bringen und schlafen irgendwann ein. Bis 5 Uhr morgens. Bei Tagesanbruch starten wir die letzte Etappe. Es dauert noch circa 1 Stunde bis zur Lichtung, die letzten Flussbetten fühlen sich wie das Ein-Mal-Eins des Autofahrens an und wir fangen an zu kreischen, als wir auf dem flachen Land in der Ferne eine Person sehen. Er schaut uns verwirrt an, grüßt uns und schaut uns weiterhin verwirrt an, als wir ihm erklären, dass wir seit 20 Stunden oder so niemanden mehr getroffen haben. Die letzten Kilometer hebt sich die Stimmung und wir kommen irgendwann in der Lodge an.
Ein Typ, der uns an einem Shop, an dem wir dreckig, verschwitzt und durstig, Wasser und Süßigkeiten kaufen, andere Leute fragt, ob sie ihn mitnehmen können, stellt sich als unser Guide heraus. Die Besitzerin der Lodge hat ihn angefragt, da sie wusste bzw. dachte, dass gestern 2 deutsche Touristinnen kommen würden. Wir kamen nicht gestern, aber heute, mit 3 grauen Haaren und noch 7 Katzenleben, dort zusammen mit unserem Guide an. Wir erzählten ihm natürlich von unserer Geschichte. Nachdem er recht entspannt zugehört hat, erwähnt er beiläufig, dass er sich in der Gegend dort ganz gut auskennt und noch beiläufiger, dass er sich deshalb dort auskennt, da er manchmal dort Touren macht, um Löwenjagden zu begleiten. Schluck. Was? Löwen? Hä? In meinem Kopf passieren unerklärliche Sachen. Er erzählt weiter, dass in den letzten Monaten einigen Touristen das selbe wie uns passiert ist und wir uns sehr gut geschlagen haben. Die meisten dieser Gruppen mussten evakuiert werden. Eine Gruppe, von der er wusste, wurde sogar mit Löwen bekannt gemacht, kam aber mit Verletzungen davon. Löwen. Löwen? Löwen! Geht es weiter in meinem Kopf herum. Jocelyne und ich schauen uns an. Ich weiß nicht mehr, was wir gesagt haben, aber heute kann ich die Geschichte mit vielen Lachern erzählen, aber in dem Moment hatte ich Panik. Und die Moral von der Geschichte: Traue Google Maps nicht. 🙂




