Socken in Sandalen

Januar 2018

So manch ‘Liege-mit-Handtuch-Reservierer’ alias ‘Mallorka-All-Inklusive-jedes-Jahr-Reiser’ mag jetzt große Augen machen und vielleicht über eine Reise in den Sudan nachdenken, denn…

in einigen Teilen Sudan ist es verboten keine (!) Socken in den Sandalen zu tragen. Die örtliche Polizei kann einen dafür einknasten.

Was wunderbar amüsant klingt, ist allerdings alles andere als lustig. Neben nackten Füßen in Sandalen sind auch das Tragen kurzer Hosen für Männer verboten und auch der falsche Haarschnitt kann die Herren aufs Revier befördern. Wie zu erwarten, trifft es die Frauen natürlich schlechter. Die Liste wäre wahrscheinlich kürzer, wenn man auflisten würde, was erlaubt ist. Frauen droht eine Verhaftung, wenn sie in mancher Orts Hosen tragen (nur bodenlange Röcke und Kleider sind erlaubt und dann meist sogar noch mit Leggins darunter), unverheiratet Henna tragen, verheiratet sind und kein Henna tragen, Ellenbogen zeigen, zu Körperbetonte Kleidung tragen, Parfüm benutzen oder nach einer bestimmten Uhrzeit abends draußen sind. Über das Kopftuch braucht man gar nicht erst sprechen.

Ob ich seit 2 Monaten wie ein Kartoffelsack herumlaufe, fragt ihr euch? Nein, so schlimm ist es nicht. Allerdings spielt die Kleidungsfrage schon jeden Tag eine Rolle. Von einer Ausländerin verlangt niemand Kopftuch, aber Beine und Arme bis zum Ellenbogen möchten schon verdeckt sein. Ein sexy Ellenbogen könnte ja jemanden auf falsche Gedanken bringen 😉 Hosen sind je nach Location in Ordnung. Im konservativen Gedaref auch noch ein anderes Thema als im etwas lockeren Khartoum. Mitten im Markt unter Leuten im ländlichen Gebiet fühlt man sich schon wohler mit Rock und Tuch über dem Kopf. Dann wird man wenigstens von hinten oder der Seite nicht sofort als ‘Hawaatja’ (=AusländerIn) enttarnt.

Aber nicht die Hawaatjas sind die Verlierer in diesem Spiel, sondern die Einheimischen. Die vielen Verbote schränken ein, jeden Zentimeter des Lebens und führen dazu, dass sich vor allem Frauen weder an öffentlichen Orten noch in privaten Räumen richtig sicher fühlen können. Dieses Thema wurde nach einer Kurzfilmvorführung einer lokalen Initiative junger Menschen diskutiert, die die Zwänge ihrer Gesellschaft brechen wollen. Während ich da saß und zuhörte, kam ich mir mit meinen Problemchen, die ich vielleicht mit diesem Tuch, welches locker über meinen Kopf gelegt ist, ziemlich doof vor. Und während wir da saßen, brachen wir gleichzeitig schon wieder ein Gesetz – über gesellschaftlich politische Themen oder Tabus durfte nämlich unter Al Baschir, dem Präsidenten, nicht öffentlich diskutiert werden. Wie ist diese Welt doch ohne Sinn…

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