Mai 2018
Da Gedaref nicht weit von der Grenze Äthiopiens entfernt ist, lag die Sache auf der Hand. Marw, Esthi und ich werden noch weiterziehen.
Mit Gepäck und Minibus ging es also um 6.30Uhr morgens los Richtung Äthiopien. Bis zur Grenze schafften wir es reibungslos, an der Grenze ging das übliche Prozedere los mit Diskussionen, Gebühren die nirgends geschrieben stehen und eine der sinnlosesten Gepäckkontrolle, die ich je erlebt habe (ungelogen: ein 2-Sekunden-Blick in meinen geöffneten Backpack). Nach der Grenze gab es erstmal ein Bier für uns drei. Ok, es war wahrscheinlich erst 9 Uhr morgens, ein bisschen assozial vielleicht. Aber glaubt mir, nach einigen Wochen oder Monaten in einem Land ohne Alkohol werdet ihr es verstehen. Also wurde erstmal angestoßen!
Dann ging es weiter Richtung Gondar und von dort mit einem weiteren Minibus nach Gorgora. Hier erreichten wir unseren “Wie viele Menschen passen in einen Minibus-Rekord” –> 22 ! Alles lief wie am Schnürchen, wir waren überglücklich, als wir noch vor Sonnenuntergang Gorgora erreichten. Esther sagte noch: “Wow, das lief alles zu gut, da muss es einen Haken geben”. Lief es! Um den Haken zu verstehen, muss ich euch noch ein paar mehr Details geben: Unser Ziel war nicht Gorgora, weil Gorgora in jedem Reiseführer empfohlen wird oder weil es eine besonders schöne Stadt ist. Gorgora war unser Ziel, weil ich IRGENDWO gelesen hatte, dass man mit einer Fähre den Tana-See (Äthiopiens größten See und Quelle des Nils) in einer 2-tägigen Reise überqueren konnte. Weitere Recherchen ergaben, dass die Fähre in Gorgora ablegt, einmal pro Woche, immer Donnerstags morgens 6 oder 7 Uhr. Deshalb waren wir natürlich erst recht froh, es bis nach Gorgora an einem Tag geschafft zu haben, denn es war Mittwoch! So.
Mittwoch abend, angekommen in Gorgora, fahren wir zur Tim & Kim Lodge, eine der zwei Unterkünfte in Gorgora und werden mit einem atemberaubenden Blick über den Tana-See bei Sonnenuntergang belohnt. Es gibt sogar schöne Hütten mit RICHTIGEN flauschigen Decken (!), die auch für uns erschwinglich sind – Checkpot! Beschwingt mit Glücksgefühlen bestätigen wir dem Lodge-Typen, dass wir eine Nacht bleiben wollen und den nächsten Morgen die Fähre nehmen wollen. Seine Antwort, mit einem Grinsen und trocken: “Die fährt schon seit 2 Jahren hier nicht mehr ab.” = der Haken! Die einzig beste Reaktion: Esther und ich brechen in lautes Gelächter aus. Der Lodge-Typ und Marwin gucken uns verwundert an. Auf Planänderungen waren wir eingestellt, also mental, trotzdem war die Enttäuschung zu spüren. Egal, das ist eben bei Reisen so, also disponieren wir kurz um, checken die Finanzen, entscheiden einen Tag länger in Gorgora zu bleiben und dann weiter Richtung Norden zu reisen. Die Tim & Kim Lodge ist ein richtiger Geheimtipp, man kann baden gehen, Kanu fahren, über die Hügel wandern, hat Sonnenaufgänge über dem See, eine Menge Gesellschaftsspiele, Bücher und leckeres, aber etwas teures Essen und Trinken. Esther und ich hätten hier ganze zwei Wochen verbringen können, Marwin juckt es schon wieder in den Füßen.
Also weiter, nächste Station: Gondar. Gondar stellt sich nicht als unsere Glücksstadt heraus. Ich habe Magenprobleme und Marw schrammt sich das Bein auf. Esther kümmert sich um uns zwei Kranken und die beiden erkunden Gondar ohne mich. Der nächste Bus bringt uns nach Denbark, eine Stadt am Fuße des Simien Gebirges. Denbark hat nicht nur keinen Charme, sondern eher negativen Charme. Das gute und schlechte ist, dass Nebensaison ist. Gut ist, dass wir nicht viele andere Touristen sehen. Schlecht ist, dass sich deshalb alle 200 Tour-Guides in dieser kleinen Stadt auf uns stürzen und uns das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Für mich, die zuvor einigen Monate im Sudan lebte, mit null Tourismus und einer Kultur, die sehr respektvoll und gastfreundlich ist, ist die Aufdringlichkeit und Dreistigkeit etwas zu viel und wir trauen irgendwann niemandem mehr über den Weg. Wir sind froh und atmen durch, als wir im Simien Gebirge ankommen. Unser zu Hause für eine Nacht – eine kleine Hütte auf knapp 3000 Meter Höhe ohne fließend Wasser und Strom. Fantastisch! Die Essenszubereitung dauert 2-3 Stunden, ich hake Holz für ein Lagerfeuer und der Sternenhimmel ist kaum zu übertreffen. Insgesamt machen wir zwei kürzere Wandertouren, begegnen vielen (erstaunlicherweise friedlichen) Affen und genießen die fantastische Aussicht. Da das Simien Gebirge ein Nationalpark ist, bekommen wir einen Aufpasser an die Seite. Gegen den Aufpasser konnten wir nichts unternehmen, der wurde auf der Stelle an unsere Seite rekrutiert, als wir den Eintritt für den Nationalpark zahlten. Etwas dreist, fanden wir, entschieden uns aber, es hinzunehmen und unseren Aufpasser zu unserem 4. Team-Mitglied zu machen und ihn ständig vollzulabern. Er hielt zwar die meiste Zeit eher etwas mehr Abstand zu uns, aber manchmal konnte ich schon ein kleines Lächeln bei ihm erhaschen. Was mich abschreckte, sehr stark mit ihm in Kontakt zu kommen, war die Kalaschnikov, die er Tag und Nacht bei sich trug. Ich erklärte mir, dass es zum Schutz vor den Affen sei, wobei ich vermutlich verrückt geworden wäre, hätte er wirklich auf die Affen geschossen. Nichts ist passiert, kein Affe tot, wir waren ein nettes 4er Team und er vermutlich der einzige Aufpasser im Park, der bei solchen ‘blöden Idioten’ mitmusste, die nicht mal in einer der schönen Lodges schliefen, sondern ohne Wasser und Strom in einer kalten Hütte. Ja, kalt! Ultra kalt. So kalt, dass Esther und ich alle unsere Sachen übereinander gezogen und froh waren, dass es dicke Decken gibt. Diese Decken waren solche, wie ich sie von meiner Oma kenne. Ich meine, sie haben sie immer vom Polenmarkt mitgebracht: riesig, flauschig, mit einem Riesen Panda drauf. Wer kennt die nicht 😀 Die waren meine wärmende Hoffnung in diesen äthiopischen kalten Nächten. Schließlich waren es, wie Marwin dann nachts nachschaute, 18 Grad! Haha. Marwin lachte uns aus, wir lachten mit, empfanden es aber immer noch als kalt und ich war froh über die Polenmarkt-Decke in Äthiopien. Am nächsten Tag wurde nochmal herumgewandert, vergeblich nach Steinböcken Ausschau gehalten und per Anhalter mit einer Rickshaw ging es zurück in den nächsten Ort.
Von dort aus ging es nach Axum – die aufregendste Fahrt der Reise mit dem schönsten Blick. Es geht Serpentinen-Straßen rauf und runter mit Panorama-Blick auf das Simien-Gebirge. In Axum verbringen wir genau 10h inkl. 4h Schlaf. Die restlichen Stunden verhandeln wir mit einem Tour-Guide unserer nächstes Reiseziel, trinken das ein oder andere Bier und entdecken eine nette Bar mit traditionellem Tanz. Dieses Mal können wir leider nicht unseren Reise-Kodex einhalten. Da unser nächstes Ziel, die Danakil Tiefebene, kaum bevölkert ist und recht nah an der Grenze zu Eritrea, müssen wir uns einer geführten Reisegruppe anschließen. Von Axum über Mekele und dann weiter Richtung Salzwüste. Diese geführten Touren sind echt nicht mein Ding… die Zeiten, in denen man Hunger haben muss, sind vorgegeben, die Orte an denen man Fotos machen kann, sind vorgegeben und man ist sehr viel damit beschäftigt, zu warten. Ein bisschen wie auf einer Klassenfahrt. Gottseidank haben wir den besten Fahrer ever – Antoine! Antoine liebt Musik, Tanzen, ist Vogelliebhaber (was später noch zu einer etwas eckligen Story führen wird) und freut sich mit Marwin französisch sprechen zu können. Wir drehen also die Musik auf und düsen durch die Wüste.











