Über die Grenze

April 2018

von Sudan nach Äthiopien.

Da Gedaref nur einige Stunden von der äthiopischen Grenze entfernt liegt, planten wir schon lange einen Wochenend-Trip. Eigentlich ist Gondar als beliebtes Ziel bekannt, allerdings mit 8 Stunden Fahrt nicht der nächste Weg. Deshalb peilten wir Humera an, eine Grenzstadt des Länderdreiecks Sudan, Äthiopien und Eritrea, aber auf äthiopischer Seite.

Schon der Weg nach und von Humera war die Reise wert. Dank großartigem Musikmix von Bob Marley, über äthiopische Folklore bis hin zu Maria Carry war die Stimmung von Sekunde 1 ausgelassen. Die Asphaltstraßen wurden schnell zur Huckelpiste und zwischendurch überquerten wir den Fluss Adbara mit einer Fähre, die in Deutschland sicher 100 Mal keinen Tüff mehr bekommen hätte. An der Grenze zu Äthiopien zahlten wir noch diverse Beträge, die uns sicher halfen, den Prozess zu beschleunigen und dem Grenzbeamten einige nette Abende mit Zigaretten und Bier geschafften und schwupp die wupp waren wir in Äthiopien. Oder nicht? Zwar waren wir bereits in Äthiopien, aber am nächsten Checkpoint durfte unser Auto nicht mehr weiter. Die Stimmung war nur semi-betrübt, da unser 7-er Gespannt seit Monaten das erste Mal ein Bier in der Hand hatte. Nach diversen Diskussionen ließen wir das Auto stehen und fuhren per Taxi weiter.

Endlich, in Humera! Die erste Nacht waren legendär, aber hier vielleicht nicht für alle Augen und Ohren gedacht. Nur so viel: es floss der ein oder andere Alkohol, es wurde viel gelacht und getanzt bis in die Morgenstunden. Tagsüber erkundeten wir die Altstadt, den Markt, diverse Restaurants und Cafés und waren positiv überrascht. Humera besticht mit sauberen Straßen, Kopfsteinpflaster, entspannten Bewohnern und gutem Essen! Eine gelungene Abkühlung bot ein Fluss, in dem auch ein paar Kühe, Ziegen sowie Kleidung und Menschen gewaschen wurden und sich wuschen. In dem bunten Treiben sprangen auch wir hinein in das kühle Nass, fantastisch! Dann erfuhren wir, dass am anderen Flussufer, was gefühlt nur einen Katzensprung entfernt war, sich Eritrea befand. Wahnsinn! Das war ein komisches Gefühl. Man vergnügt sich am Wasser und Strand und blickt rüber in ein Land, in dem Diktatur, Flucht und Verzweiflung herrscht. Sie erzählten uns, dass man nicht über die Mitte des Flusses hinaus schwimmen darf. Zwischen den Sträuchern säßen Polizisten, die dann das Recht hätten zu schießen. Denn in Eritrea, einer Diktatur, die zu diesem Zeitpunkt noch in starrer Feindschaft mit Äthiopien stand, herrscht vor allem die Gewalt und Unterdrückung des Schwächeren.

Auch ein weiteres Thema bereitete uns stundenlanges Kopfzerbrechen. Eigentlich nicht verwunderlich und in jedem Land der Welt bekannt, gibt es vor allem in Grenzgebieten wie Humera viel Prostitution. Als Grenzgebiet zu Sudan, wundert es nicht, dort den ein oder anderen Sudanesen zu sehen, der mal für ein Wochenende in ein ganz anderes Leben, frei von allen Zwängen und Regeln, schlüpft. So ja eigentlich auch wir. Aber die unmittelbare Konfrontation mit Prostitution ist dann doch nochmal eine andere Nummer. Durch unseren äthiopischen Kollegen erfuhren wir auch einige Geschichten, die uns sprachlos machten, vor allem, weil man sich so machtlos fühlt und nur mit schlechten Gedanken nach Hause gehen kann. Wir redeten mit einem jungen Mädchen, gerade mal 15, die als Prostituierte ihre Geld verdiente. Es sind sowohl, Jungen als auch Mädchen und Frauen hier im Grenzgebiet und verdienen so ihr Geld, sagt sie. Sie bekommen einen Schlafplatz, ein eigenes zu Hause, sind aber ganz und gar nicht frei. Ihr Tagesablauf wird vom “Boss” bestimmt, der (männlich) die Kunden zu den Mädchen bringt. Es war nicht ihr Plan, so zu leben. Und sie will da schnell wieder raus. Sie wollte eigentlich nur von zu Hause weg, denn da sollte die verheiratet werden. Sie dachte, allein würde sie es schaffen, könne frei leben. Die Freiheit wurde ihr genommen. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Wir weinen. Wir umarmen sie. Wir geben ihr ein bisschen Geld. Es fühlt sich eklig an, ihr Geld zu geben. Dennoch, denke ich, dass solche Begegnungen und Erfahrungen auch sehr wertvoll sind, denn das ist nun mal das Leben. Wer die Augen verschließt, belügt sich selber. Wer hinhört und hinschaut, hat vielleicht einiges Tages die Möglichkeit, einen positiven Beitrag zu leisten.

Zum Abschluss noch eine lustige Anekdote. Die Rückfahrt war mindestens genauso aufregend wie die Hinfahrt. Angekommen an der Fähre, waren wir die einzigen Passagiere die ihr Auto hinauf manövrierten und stießen fröhlich in See. Da 2 Tage mit wenig Schlaf seinen Tribut forderte, bewegte ich mich direkt auf den Rücksitz, nutze die Gelegenheit, dass alle draußen waren, und gönne mit ein Nickerchen. Als ich irgendwann erwachte, wunderte ich mich schon, dass wir immer noch mitten auf dem See waren, aber dachte mir dabei nichts. Letztlich kam dann raus, dass wir anstatt 20 Minuten 1 Stunden herumgeschippert sind, weil die Verantwortlichen auf dem Boot kein GPS-Gerät besaßen und die Anlegestelle im Dämmerlicht nicht finden konnten. So liefen auf der Fähre circa 10 Männer umher, wovon natürlich einer alles besser wusste, als der andere, und schriehen abwechselnd dem “Kapitän” der Fähre irgendwelche Richtungen zu, sodass wir einmal nach links, einmal nach rechts und einmal um 360 Grad drehten. Wir kamen an, alles war gut. Aber dennoch, mal wieder eine sehr lustige Erfahrung.

Wir erzählten unseren KollegInnen kaum etwas von unserer Reise, was der Wahrheit entsprach. Bei manchen Themen aus Scham und weil sie sich keine Sorgen machen sollten. Wir erzählten vom schönen Markt, vom Fluss, in dem alle nackt badeten und vom Kopststeinpflaster, was von Humera hinaus in den Äthiopien verbreitet wurde, da die GTZ (heute GIZ) damals in Humera damit angefangen hat. Viel später erzählte ich mal einer engen sudanesichen Freundin von den Prostituierte und sie war sehr geschockt. Sie wusste aber auch, dass selbst nach Gedaref einige äthiopischen junge Frauen kamen und illegal als Prostituierte arbeiteten. Das wiederum schockierte mich. Dieser Austausch von Frau zu Frau tat gut, machte mich aber auch wieder wütend. Diese sexuelle Ausbeutung, die es überall gibt und die vor allem Frauen negativ betrifft, ist unfassbar und nicht akzeptabel. Damit endet mein Bericht. Vom Schönen, vom Traurigen, vom Wütenden und Fröhlichen. So spielt das Leben.

Leave a comment